Startseite
  Über...
  Archiv
  Umzug in ein neues Leben (1. Teil)
  Umzug in ein neues Leben (2. Teil)
  Erfolg gleich Glück?
  Sometimes goodbye's a second chance
  Songtexte
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren

   Mein Blog mit Kurzgeschichten

http://myblog.de/angi90

Gratis bloggen bei
myblog.de





1.

Der Wecker klingelte und Adriana erwachte. Benommen sah sie sich um, bis sie wieder wusste, wo sie war. Sie hatte sich immer noch nicht an ihr neues Zimmer gewöhnt, obwohl sie jetzt schon eine Woche hier wohnte. Sie schaltete den Wecker aus und legte sich wieder hin. Heute war ihr erster Tag an der neuen Schule; Adriana hatte keine Ahnung, was sie erwartete. Das Gebäude war nicht unbedingt klein, dementsprechend würde es auch ziemlich viele Schüler haben.
Sie seufzte und drehte sich noch einmal auf die andere Seite. Dann dachte sie wehmütig an ihr altes Zuhause zurück. Dort würde sie mit dem Motorroller in die Werkstatt fahren, ihr Überkleid anziehen, mit den anderen Mechaniker ein wenig zusammen stehen, übers Wochenende diskutieren und danach den Auftrag vom Werkstattchef entgegen nehmen. Obwohl sie die einzige Frau im Betrieb gewesen war, hatte sie ihre Ausbildung als Automechanikerin geliebt.
Und jetzt hatte sie alles aufgeben müssen, nur weil ihr Vater nach Deutschland - genauer gesagt nach Hannover -  versetzt wurde. Und natürlich musste die ganze Familie mit, obwohl Adriana im Sommer 18 geworden war. Und ihre Mutter hatte natürlich auch noch entschieden, dass sie ihr Abi dort machen konnte. Auf den Vorschlag, dass sie ihre Ausbildung vielleicht auch in Deutschland fertig machen konnte, ging ihre Mutter gar nicht ein.
Adriana seufzte nochmals. Sie hatte echt keinen Bock auf Schule, schon die Berufsschule hatte sie nicht unbedingt geliebt, den Fachunterricht noch eher als die Allgemeinbildung. Aber so einen ganzen Tag sitzen war etwas vom Schlimmsten für sie.
Mit Widerwillen stand Adriana auf und öffnete den Schrank. Dort holte sie eine Jeans, ein T-Shirt und eine Kapuzenpulli heraus und zog sich an.
Von unten hörte sie ihre Mutter, die nach ihr rief.
„Ich komme ja schon!“
Adriana setzte ein Cap auf, sah in den Spiegel und war zufrieden. Mit dem Cap, den Haarstränen, die ihr etwas ins Gesicht hingen und den etwas zu weiten Hiphop – Klamotten aus der Jungenabteilung sah sie nicht mehr aus wie ein Mädchen, was ihr Ziel gewesen war.

Als Adriana 5 Minuten später die Küche betrat, sah ihre Mutter sie geschockt an.
„Wie siehst du denn aus? So kannst du doch nicht in die Schule!“
„Und wieso nicht?“, erwiderte Adriana trotzig.
„Du sieht ja aus wie ein Junge!“
Adriana zuckte mit den Schultern. „Na und? Ein typisches Mädchen war ich ja nie!“
Sie schraubte den Deckel auf die Flasche, die sie mit Wasser gefüllt hatte, und verliess die Küche wieder. Im Flur zog sie die Schuhe und ihre Jacke an, und mit einem „Tschüss, bis heute Nachmittag!“, verschwand sie zur Tür hinaus.
Auf dem Weg zur Bushaltstelle seufzte sie erneut und hätte sich am liebsten wieder in ihr Zimmer zurückgezogen.

Es war der erste Tag nach den Herbstferien, und als Adriana über den Schulhof lief, sah sie überall Leute die sich begrüssten und Ferienerlebnisse austauschten.
Sie fand ihr Klassenzimmer schnell und sah hinein. Die paar Schüler die schon drin waren, bemerkten sie nicht. War ihr auch recht, so konnte sie sie mal in Ruhe beobachten. Sie lehnte sich an den Schrank, der neben der Tür stand. So hatte sie den besten Überblick, wer hinein kam und was im Klassenzimmer so passierte.
Die meisten, die hereinkamen, bemerkten sie nicht. So füllte sich das Zimmer und bald waren alle Plätze, bis auf ein Pult ganz hinten, besetzt.
Pünktlich mit dem Läuten trat die Lehrerin zur Tür herein. Adriana schätzte sie so um die 40.
Mit einem Schlag verstummten die Gespräche und es wurde ruhig.
„Guten Morgen.“
Sie lies den Blick über die Klasse gleiten, ihr Blick blieb am leeren Pult hängen, dann fragte sie: „Weiss jemand, wo Lars ist?“
Einige schüttelten den Kopf, andere blickten einander vielsagend an.
„Ich frage mich, ob der Junge überhaupt einen Wecker hat?“ Mit diesen Worten schlug sie das Klassenbuch auf und schrieb etwas hinein.
Adriana räusperte sich. Alle Köpfe wandten sich jetzt ihr zu, und auch die Lehrerin drehte sich etwas erschrocken zu ihr um.
„Guten Morgen. Ich bin Adrian und bin neu in der Klasse.“ Adriana versuchte, ihre Stimme so tief wie möglich klingen zu lassen.
Die Lehrerin hatte sich wieder etwas gefasst: „Entschuldigung ich habe dich gar nicht bemerkt. Aber bist du sicher, dass du richtig bist? In diese Klasse sollte zwar auch jemand neues kommen, allerdings ein Mädchen, so wie ich gesehen habe.“
„Keine Ahnung, ich komme in die 11c. Und laut dem Stundenplan, den ich erhalten habe, hat die hier Schule.“
„Ja, das ist die 11c. Kleinen Augeblick, ich suche schnell die neue Klassenliste.“ Sie holte eine Mappe hervor und blätterte die Blätter durch.
„Da ist sie ja. Wie war noch mal dein Name?“
„Adrian Lässer“, antwortete Adriana.
Die Lehrerin suchte die Liste ab.
„Ich habe hier eine Adriana Lässer. So wie es aussieht hat sich jemand verschrieben.“
Sie legte die Liste aufs Pult und sah Adriana nett an: „Dann heisse ich dich herzlich Willkommen. Ich bin Frau Berger und deine Klassenlehrerin. Ich unterrichte bei euch Deutsch, Englisch und Geschichte. Ich hoffe du lebst dich schnell ein, und falls du ein Problem oder so hast, kannst du jederzeit zu mir kommen.“
Sie lachte Adriana freundlich an.
„Willst du dich noch kurz vorstellen?“
„Kann ich schon“, Adriana zuckte mit den Schultern. „Ich bin 18 und vor einer Woche aus der Schweiz hierhin gezogen. Dort hatte ich eine Ausbildung als Automechaniker begonnen, die ich aber jetzt leider abbrechen musste. Meine Mutter fand, ich könne jetzt erst Abi machen, danach sei noch genug Zeit  eine Ausbildung zu machen. Mal sehen wie lange ich es hier aushalte, bin es nicht mehr gewohnt, nur zur Schule zu gehen. Naja, und viel mehr gibt es im Moment nicht zu sagen.“
Es klopfte an der Tür und ein Junge trat ein. Er hatte die Haare zu einer Punkfrisur gestylt und sah mit seinen schwarzen Kleidern auch sonst wie ein Punk aus.
„Entschuldigen Sie die Verspätung.“ Gutgelaunt schloss er die Tür.
„Lass mich raten, du hast verschlafen?“, fragte Frau Berger etwas genervt. „Kannst du nicht mal am ersten Schultag nach den Ferien pünktlich sein?“
Er grinste: „Nö, sonst hätten sie ja gar nichts ins Klassenbuch schreiben können! Hey, so wie es aussieht, sitze ich ab jetzt nicht mehr alleine!“ Er hatte Adriana bemerkt und grinste noch breiter. Er musterte sie und sah sie danach mit einem Blick an, den sie nicht deuten konnte. Allerdings hatte sie fast ein wenig das Gefühl, dass er erkannt hatte, dass sie gar kein Junge war. Er sagte aber nichts. Auch nicht, als Frau Berger sie als Adrian vorstellte.
„Freut mich, ich bin Lars.“ Immer noch mit einem Grinsen im Gesicht drehte er sich um und schlängelte sich durch die Pultreihe nach hinten zu seinem Platz.
Adriana folgte ihm und fand, dass sie es schlimmer hätte treffen können mit dem Pultnachbarn.

2.

In der Pause drängten sich die meisten Schüler um Adriana und bombardierten sie mit Fragen.
Von wo „er“ denn genau käme aus der Schweiz, wie „er“ Deutschland bis jetzt fände, ob es eine grosse Umstellung gewesen war, ob „er“ die Schweiz vermisste und viele weitere Fragen.
So viel Aufmerksamkeit war sie nicht gewohnt. Möglichst cool versuchte sie die Fragen zu beantworten und musste immer aufpassen, dass sie sich nicht verriet, weil sie ja für die anderen ein Junge war.
Aber niemandem fiel etwas auf, und so klingelte es wieder zur Stunde. Alle verzogen sich wieder an ihre Plätze und Adriana atmete etwas erleichtert auf.
Lars bemerkte es und grinste wieder: „Keine Angst, ist nur am Anfang so. Bald werden wieder andere Sachen interessant.“
Dass konnte ihr nur recht sein; sie stand definitiv nicht gerne im Mittelpunkt.

Der Unterricht ging weiter und bald klingelte es zur grossen Pause.
Lars wandte sich ihr zu: „Wenn du willst, zeige ich dir kurz die wichtigsten Sachen?“
„Gerne, das wäre nett.“
„Okee, gehen wir.“
Sie verliessen zusammen das Schulzimmer.
„Als erstes zeige ich dir die Cafeteria, ich hab nämlich Hunger.“
Die Cafeteria war in einem Gebäude neben dem Hauptgebäude untergebracht. Sie überquerten den Schulhof und traten ein. Drinnen war ein ziemliches Gedrängel von Schülern, die sich an der Theke, die auf der einen Seite war, etwas kaufen wollten.
„So geht das immer. Wahrscheinlich denken die alle, dass zu wenig da ist, aber bis jetzt ist jeder satt geworden. Naja, hätte jedenfalls noch nicht anderes gehört.“ Lars verdrehte die Augen und sie stellten sich hinten an. Während sie warteten, sah sich Adriana um. Auf der anderen Seite standen Tische, an denen die Schüler, die schon etwas gekauft hatten oder selbst etwas mitgenommen hatten, sassen.
„Mal sehen, was heute das Tagesmenu ist“ Lars studierte den Speiseplan, während er erklärte: „Es wird immer ein normales und ein Vegimenu angeboten. Ist meistens nicht schlecht und vor allem nicht so teuer. Und wenn du nicht genug hast, kannste nochmals eine Portion holen. Heute gibt’s Spaghetti mit verschiedenen Saucen. Klingt gut.“
Sie waren jetzt an der Reihe und jeder kaufte sich ein Sandwich.
Danach ging die „Führung“ weiter. Lars zeigte ihr die Turnhalle, die Bibliothek und die Spezialräume. Anschliessend standen sie wieder auf dem Pausenhof.
„Ich glaube, da finde ich mich nie zurecht!“, seufzte Adriana.
„Keine Angst, das geht schneller als du denkst“, lachte Lars, „wir haben’s ja auch alle geschafft. Und sonst gibt es immer jemanden, den du fragen kannst.“
So standen sie einige Zeit nebeneinander und beobachteten das Treiben auf dem Schulhof.
„Also ich glaube, du machst nächstens dem Schulschwarm Konkurrenz.“
„Wieso meinst du?“ Adriana sah ihn irritiert an.
„Na, weil sich immer wieder Girls nach dir umdrehen und kichernd in deine Richtung zeigen.“
Adriana sah ihn verlegen an: „ Sicher nicht, du irrst dich.“
„Na, wegen mir sicher nicht. Mich halten sie sowieso für komisch, mit meinem Style. Genau wie die aus meiner Klasse. Deshalb sitze ich ja auch alleine an einem Pult. Nicht, dass sie mich mobben würden, aber sie finden mich eben komisch.“
Adriana staunte, wie gleichgültig er darüber redete.
 
Es klingelte wieder.
Während sie zum Schulzimmer zurückliefen, sagte Lars: „Jetzt kann ich wieder 2 Lektionen chillen. Wir bekommen eh den Mathe-Test von vor den Ferien zurück und der Lehrer wird wieder die ganze Zeit brauchen, den Test Aufgabe für Aufgabe zu erklären, da die halbe Klasse ungenügend sein wird.“
Er verdrehte die Augen.
„Gehörst du den auch zu den Ungenügenden?“, fragte Adriana.
„Nein, Mathe ist, mit Physik zusammen, mein bestes Fach. Und ich mag die beiden Fächer, weil sie logisch sind. Man kann eine Regel lernen und die gilt. Keine Ausnahme, die man noch wissen muss. Und wie steht’s mit dir? Als Automechaniker muss du das sicher auch können.“
„Mir geht’s genau gleich. Ich mag Mathe und so auch lieber als Sprachen.“
Wie Lars vorher gesagt hatte, besprach und erklärte der Lehrer vor allem den Test. Da sie an Adrianas Schule das Thema schon behandelt hatten, konnte auch sie sich zurücklehnen.

„Also, gehen wir in die Cafeteria?“, fragte Lars nach der Stunde.
„Jep, ich bin dabei.“
Aber als sie das Zimmer verlassen wollten, rief der Lehrer Adriana zurück: „Hast du noch kurz einen Moment Zeit? Ich möchte schnell sehen, welche Themen ihr zuletzt durchgenommen habt, damit ich ungefähr weiss, wo du stehst.“
Adriana drehte sich etwas widerwillig um und trottete zurück.
„Ich gehe schon mal vor und besetze dir einen Platz, okee?“, fragte Lars.
„Ja ist gut, ich komme gleich.“
Das Ganze ging aber doch etwas länger und als sie zur Cafeteria kam, standen schon ziemlich viele Schüler an. Und zu allem Unglück standen Lisa und Tiziana, die beiden Zicken der Klasse, wie Lars sie nannte, vor ihr. Sie hatte während der kleinen Pause zwischen Mathe gemerkt, dass die zwei ziemlich das Sagen hatten in der Klasse.
„Und wie gefällt es dir bis jetzt so?“, fragte Lisa.
„Geht so, ist wie jede andere Schule auch“, antwortete Adriana ausweichend.
„Auch wieder wahr.“
„Sag mal, wie nennen dich deine Freunde in der Schweiz? Adrian? Oder hattest du einen Spitznamen?“, wollte jetzt Tiziana wissen.
„Da sagen mir die meisten Adi. Von mir aus könnt ihr mir auch so sagen.“
„Adi: dass passt zu dir“, fanden die zwei.
„Wenn du willst kannst du dich zu uns setzen. Dann lernst du auch noch einige aus der Parallelklasse kennen.“, bot Lisa an.
„Danke fürs Angebot, aber Lars besetzt schon einen Platz für mich.“
„Findest du den echt nett? Der ist doch total komisch.“ Lisa sah sie mit grossen Augen an.
 „Schon alleine seine Klamotten!“
„Und die Musik, die er hört!“, Tiziana schauderte.
„Das denkt er vielleicht von euch auch“,  antwortete Adriana etwas heftiger als gewollt, „aber ich find in Ordnung.“
„Hey, schon okay. Ist ja nur unsere Meinung.“, versuchte sie Lisa zu besänftigen.
„Aber wenn du willst zeigen wir dir mal etwas die Stadt.“
„Mal sehen. Lars hat auch schon gefragt.“ Das war zwar gelogen, aber sie hatte keine Lust den Nachmittag mit den zwei und ihrer Clique zu verbringen.
Jetzt waren sie zum Glück an der Reihe und einige Minuten später lies sie sich Visavis von Lars am Tisch nieder.
„Phu, endlich! Wünsche einen guten Appetit.“
„Danke, wünsche ich dir ebenfalls. Ich habe gedacht, ich fange mal an, da ich nicht wusste wann du kommst.“ Er sah sie entschuldigend an. „Wie ich gesehen habe, bist du zusammen mit Lisa und Tiziana angestanden. War’s nett?“
Da Adriana gerade eine Gabel Spagetti in den Mund geschoben hatte, konnte sie nur die Augen verdrehen.
Er grinste: „So wie ich das sehe, finden sie dich nicht gerade uninteressant.“
Adriana schluckte und antwortete: „Sie haben mich eingeladen an ihrem Tisch zu essen, aber ich habe dankend abgelehnt. Bin lieber mit dir zusammen. Naja, da waren sie fast etwas beleidigt und konnten es nicht verstehen. Aber egal.“
Lars sagte nichts mehr dazu, aber sie bemerkte, dass er sich freute, dass sie die Pause lieber mit ihm verbrachte.

3.

Als sie nach der letzten Lektion die Schulsachen in ihren Rucksack packten, fragte Lars: „Kennst du eigentlich schon viel von der Stadt?“
„Nein, nicht wirklich.“, schüttelte Adriana den Kopf.
„Na, dann wird es Zeit für eine Tour durch die Innenstadt, mit mir als Stadtführer. Es sei den, du möchtest lieber Lisa und Tiziana?“ Er grinste wieder sein freches Grinsen.
Aber ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er fort: „Willst du erst noch nach Hause oder gehen wir jetzt gleich?“
„Jetzt gleich“, entschied Adriana.

Sie nahmen den Bus in die Innenstadt. Während der Fahrt erklärte Lars immer, an was für Plätzen, Gebäuden oder sonstigen Sehenswürdigkeiten sie vorbei fuhren.
Als sie ausstiegen, schwirrten Adriana so viele Namen im Kopf herum, dass sie keine Ahnung gehabt hätte, wenn er sie etwas gefragt hätte. Aber er fragte auch nicht, sonder setzte seine Tour gleich weiter.
Er führte Adriana durch die Strassen und bald wusste sie, wo es das beste Eis oder die preiswerteste Pizza gab, der Klub mit der besten Musik und die Bar mit der grössten Auswahl.
„Und wenn du Lust hast zeige ich dir jetzt noch meinen Lieblingsplatz?“
„Ja, wieso nicht, wenn es dir nichts ausmacht.“
„Hätte ich sonst gefragt?“ Er sah sie wieder mit seinem Grinsen an.
„Nö, wahrscheinlich nicht.“
Er führte sie zu einem Park und steuerte eine Bank oben auf einem kleinen Hügel an.
„Von hier oben hast du den besten Überblick über den Park. Ich komme, wenn das Wetter schön ist, viel hierhin, beobachte die Leute, denke nach oder schreibe Songs.“
Er setzte sich hin und liess den Blick über die Wiese, den kleinen Teich und den Spielplatz gleiten.
„Du schreibst Songs?“, fragte Adriana neugierig. „Was denn für welche? Spielst du auch ein Instrument?“
„Kommt immer auf meine Stimmung an, manche sind rockig, manche melancholisch, mache ruhig… Ja, ich spiele E-Gitarre. Und du?“
„Keyboard und etwas Klavier. Kannst du mir mal einen vorspielen?“
„Ja, von mir aus. Hey, wir könnten eigentlich ne Band gründen.“
Er lachte. Auch Adriana fand den Gedanken nicht schlecht.
„Dann müsste ich wenigstens nicht mehr zur Schule.“
Sie hingen beide ihren Gedanken nach.
Auf einmal fragte Lars: „Wie lange willst du das durchziehen?“
Adriana sah ihn erschrocken an. Sie wusste genau, dass er nicht mehr von der Band sprach.
Dennoch versuchte sie, so zu tun, als wüsste sie nicht, wovon er sprach: „Was meinst du?“
„Na, das ‚Jungesein’?“
Adriana seufzte nur.
„Oder bist du etwas transsexuell, also im falschen Körper geboren?“ Lars klang besorgt.
„Nein, das nicht“, beruhigte Adriana ihn „Ich hatte nur keine Lust, als Mädchen in die Schule zu kommen.“
„Ach so. Darf ich fragen wieso?“
Adriana seufzte nochmals: „Du kennst ja das Gefühl, als komisch zu gelten. Mir ging es in der neunten genau so. Nachdem meine beste Freundin aufs Gymnasium gewechselt hat, hatte ich eigentlich fast keine Freunde mehr. Für die Jungs war ich komisch, weil ich kein richtiges Mädchen war und eigentlich lieber mit ihnen zusammen gewesen wäre, und mit den Mädchen kam ich nicht so gut aus, weil ich dieses ewige Lästern nicht aussehen konnte und mich auch sonst die Themen nicht interessiert haben. In der Berufsschule war’s nicht so schlimm, da waren ja fast nur Jungs. Aber jetzt kam wieder alles hoch und ich hatte keine Lust das Ganze nochmals zu erleben.“
Sie sah nachdenklich in den Himmel.
„Und da hast du dich von Anfang an als Junge verkleidet?“
„Jep!“, nickte sie.
Lars sah jetzt auch nachdenklich aus: „Ich hab’s schon am Morgen beim ersten Blick geahnt. War allerdings nicht ganz sicher. Aber im Verlauf des Tages habe ich es gemerkt. Spielst deine Roller allerdings nicht schlecht. Wie gesagt, machst dem Schulschwarm schon bald Konkurrenz.“
Er grinste wieder.
„Danke.“ Adriana sah ihn verlegen an.
„Um auf die Anfangsfrage zurück zu kommen, wie lange willst du es durchziehen?“
„Keine Ahnung, bleib wahrscheinlich eh nicht lange.“
„Wieso nicht?“
„Ich suche mir eine Wohnung oder so in der Schweiz und versuche meine Ausbildung fertig zu machen.“
„Aha“ war sein einziger Kommentar.
Wieder schwiegen sie einige Minuten.
„Und wenn du die Ausbildung hier fertig machst? Geht das nicht?“, fragte Lars jetzt.
„Hmmm… Das habe ich noch gar nicht überlegt.“, antwortete Adriana wahrheitsgemäss. „Ich weiss nicht genau, ob die Ausbildung und der Lehrplan gleich sind. Ich wollte eigentlich immer nur zurück in die Schweiz.“
„Na, dann können wir das ja mal abklären und die Garagen abklappern, ob du eine Chance hättest.“
„Wir?“, fragte Adriana überrascht.
„Wieso nicht?“ Sein Grinsen war so breit wie nie. Auch Adriana musste grinsen.
„Wie machst du es eigentlich, dass du immer so gut gelaunt bist?“
„Keine Ahnung, ich bin eben ein Sonnenschein  - und Trübsal blasen kann ich nicht. Das Leben ist viel zu schön.“
Er stand auf. „So, mir ist kalt. Ich würde mal vorschlagen, dass wir und auf den Nachhauseweg machen.“
Adriana stand ebenfalls auf. Sie hätte nie gedacht, dass sie so schnell einen Freund finden würde hier, und bei Lars konnte sie sicher sein, dass sie sich auf ihn verlassen konnte.
Vielleicht war Deutschland doch nicht so schlecht.

4.

Am nächsten Morgen wartete Lars am Schultor auf Adriana. Er verlor kein Wort darüber, dass sie sich immer noch als Junge kleidete.
„Bereit für die Franzlektionen?“, frage er mit seinem typischen Grinsen.
„Nicht wirklich. Ich hasse Franz! Das Land ist zwar schön, aber die Sprache ist zu nichts zu gebrauchen.“ Adriana verdrehte die Augen.
„Ganz deiner Meinung. Wollte erst wieder weiterschlafen, aber danach dachte ich, ich könne dich nicht in der ersten Franzstunde alleine lassen.“
„Das ist echt nett von dir.“
Sie stiegen die Treppe hinauf und liefen den Flur zum Schulzimmer entlang, aber weit kamen sie nicht.
„Adi, Adi, warte auf uns!“
Adriana brauchte sich nicht umzudrehen um zu wissen, wer nach ihr rief.
Sie warf Lars, der wieder breit grinste, einen genervten Blick zu und drehte sich danach widerwillig um. Lisa und Tiziana eilten auf sie zu, hackten sich einfach links und rechts bei ihr ein und zogen sie mit.
Adriana war das ziemlich unangenehm, konnte sich aber nicht einfach losreisen.
So lies sie sich mitziehen, während die zwei Mädchen sie über die folgenden Unterrichtsstunden voll quatschten.
„Franz ist total langweilig. Die Lehrerin war lange in Frankreich und wenn sie schlechte Laune hat, spricht sie schnell und mit einem fiesen Dialekt.“, regte sich Lisa auf, „Und in Physik erklärt der Lehrer immer alles so kompliziert, das niemand etwas kapiert, ausser Lars.“
„Da ist der Englisch-Lehrer viel besser. Bei ihm ist jede Regel total logisch“, schwärmte Tiziana, „Er ist auch echt nett.“
So ging es bis zum Klassenzimmer weiter.
Dort konnte sie sich zum Glück von ihnen lösen, da ihre Plätze auf der anderen Seite waren als ihrer.
Sie atmete erleichtert auf und warf Lars einen weiteren genervten Blick zu, der ihr mit einem amüsierten Lachen gefolgt war.
„Was hast du den? Andere würden sich freuen wenn die zwei auf sie stehen würden.“
„Diese anderen sind ja auch ‚echte’ Jungs.“, zischte Adriana ihm zu.
Klar fühlte sie sich etwas geehrt, dass Lisa und Tiziana auf sie, bzw. „Adi“, standen, aber auch wenn sie wirklich ein Junge gewesen wäre, wären sie nicht ihr Typ gewesen.
Ihr waren natürliche Mädchen viel lieber und die zwei trafen nicht unbedingt auf das zu.

Der Morgen verging sonst ohne Zwischenfälle, in der Pause waren Lisa und Tiziana damit beschäftig, den Schulschwarm anzuhimmeln, so dass sie „Adi“ total vergassen.
So sassen Lars und Adriana in der Mittagspause gemütlich in der Cafeteria und liessen sich das Mittagessen schmecken.
„Was wollen wir heute Nachmittag machen?“ Lars sah sie unternehmungslustig an.
„Hmmm… eigentlich wollte ich heute die restlichen Kisten auspacken und einigen Freunden in der Schweiz eine Mail schreiben...“, antwortete Adriana wahrheitsgemäss. „Allerdings kannst du ja zu mir kommen und mir helfen, falls du willst.“
„Kann ich. Meine Idee wäre gewesen, dass wir mal abklären, ob du deine Ausbildung in Deutschland beenden kannst und mal paar Adressen von Firmen herausschreiben.“
Adriana nickte nachdenklich.
„Können wir auch.“
Dann lächelte sie: „Finde ich echt cool, dass du mir helfen willst. Ich glaube, wenn ich dich gestern nicht kenne gelernt hätte, wäre ich in den erst besten Zug gestiegen und zurück in die Schweiz gefahren.“
Lars war jetzt etwas verlegen und murmelte nur ein „gern geschehen“.

Die Woche verging. Lars und Adriana hatten sich erkundig und erfahren, dass das kein Problem sein sollte die Ausbildung fertig zu machen, falls sie einen Ausbildungsplatz bekäme.
Dies gestaltete sich als etwas schwieriger, denn die meisten Firmen suchten mitten unterm Schuljahr keine Azubis. Ein weiteres Problem war, dass sie eine Frau war, denn Adriana wollte sich als Frau bewerben.
Am Wochenende zeigte Lars Adriana das „Rocks“, eine Bar in der vor allem, wie der Name schon sagte, Rock, Hard Rock und manchmal auch Punk/Alternativ lief. Zwischendurch spielten Lokale Bands auch Konzerte.
Adriana gefiel es dort und mit Lars war sowieso alles lustig.
Er konnte sie immer aufmuntern und mit ihm sah alles nicht mehr so schlimm aus.
So verging das Wochenende und der Montag stand wieder vor der Tür.

5.

Am Montag sassen Adriana und Lars in der Mittagspause wieder zusammen in der Cafeteria und durchforsteten Adresslisten mit Firmen für einen möglichen Ausbildungsplatz.
Auf einmal stand ein Mädchen an ihrem Tisch.
„Hi.“
Adriana sah nur flüchtig auf und grüsste zurück. Danach wandte sie sich wieder der Adressliste zu, da sie dachte, das Mädchen wolle etwas von Lars wissen.
Das Mädchen räusperte sich nun verlegen und sagte dann: „Entschuldigung, wenn ich störe, aber darf ich dich kurz was fragen?“
Als Lars nicht antwortete, sah Adriana auf und bemerkte, dass das Mädchen sie ansah.
„Meinst du mich?“, frage sie irritiert und überflüssigerweise.
„Äh, ja.“
Adriana sah das Mädchen genauer an. Sie war nicht sehr gross und auch etwas jünger als Adriana. Sie hatte einen lässigen Skaterstyle und ziemlich natürlich, nicht so wie Lisa und Tiziana. Adriana war das Mädchen auf den ersten Blick sympathisch.
Das Mädchen bemerkte Adrianas Blick und wurde noch verlegter.
„Ich bin Janina und wollte fragen, ob wir mal was zusammen unternehmen wollen.“
Sie sah zu Boden und wagte Adriana nicht anzusehen.
Diese sah erst sie überrascht an und warf danach Lars einen hilfesuchenden Blick zu. Doch von dem war nicht viel zu erwarten, er hatte sich hinter der Liste versteckt und Adriana sah am zittern der Liste an, dass er sich das Lachen verkneifen musste.
Sie wandte sich wieder Janina zu.
Sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Einerseits sah Janina wirklich nett aus und Adriana hatte nichts dagegen, sie kennen zu lernen. Andererseits dachte Janina ja sie wäre ein Junge und wollte sich deshalb mit ihr treffen.
Da Adriana so lange zögerte, wurde Janina unsicher.
„Naja, war wohl eine blöde Idee dich zu fragen, sorry.“
Damit drehte sie sich enttäuscht um und lief langsam weg.
„Hey, warte. Das war gar nicht doof, ich würde dich gerne kennenlernen. Wie wäre es mit Mittwochnachmittag? Wir könnten ins Kino.“ Adriana war selbst erstaunt über ihre Worte.
Janina drehte sich jetzt wieder um und sah immer noch etwas unsicher aus.
„Mittwoch habe ich noch nichts.“
„Gut“, lachte Adriana sie an, „ist 15.00 Uhr vor dem Kino Rex in Ordnung? Den Film kannst du auswählen.“
Janina lächelte jetzt auch: „Ja, das ist okay.“

Später kamen Adriana allerdings Zweifel, ob das Date mit Janina wirklich eine gute Idee war.
„Was ist, wenn sie herausfindet, dass ich eigentlich auch ein Mädchen bin?“, fragte sie Lars. „Wie soll ich reagieren, wenn sie mich umarmen will oder sogar küssen?“
Sie sah Lars etwas verzweifelt an.
„Keine Ahnung“, gab Lars zu. Auch er sah etwas nachdenklich aus, lachte aber gleich wieder: „Ich habe es doch gesagt, du machst definitiv noch dem Schulschwarm Konkurrenz! Erst Lisa und Tiziana, jetzt das Date mit Janina. Was kommt als nächstens?“
„Hoffentlich bald mal eine Zusage für einen Ausbildungsplatz.“ Adriana war nicht ums Scherzen. Sie wünschte sich wieder, sie wären nie nach Hannover gezogen, dann hätte sie diese Probleme nicht. Missmutig trottete sie neben Lars her.
„Hey, jetzt denk nicht so pessimistisch, das wird schon. Und wieso sollte Janina merken, dass du ein Mädchen bist? Du spielst deine Rolle so gut“, versuchte er Adriana aufzumuntern.
„Und was wenn sie sich nochmals mit mir treffen will? Ich stehe doch gar nicht auf Mädchen.“
„Du kennst doch den Spruch: Lebe und denke nicht an morgen! Jetzt schaust du mal wie das Date am Mittwoch läuft und dann sehen wir weiter. Und da weißt du vielleicht auch schon etwas mehr wegen der Bewerbungen.“
Adriana seufzte. „Vielleicht hast du Recht.“
Lars grinste nur und wechselte dann das Thema.
„Kommst du nachher noch zu mir? Ich hab übers Wochenende einen Song geschrieben und würde gerne deine Meinung hören.“
„Klar, wieso nicht?“

6.

Ehe sich Adriana versah war Mittwoch und das Date stand vor der Türe. Sie war ziemlich nervös.
„Also wenn ich es jetzt nicht besser wüsste, würde ich sagen du bist etwas verliebt“, grinste Lars, als sie zusammen zur Bushaltestelle liefen.
„Blödsinn, in meiner Situation wärst du auch nervös.“
„Stimmt, da hast du auch wieder recht. Aber das wird schon schief gehen.“
„Sind ja wieder Mal echt aufmunternde Worte von dir.“ Aber Adriana musste trotzdem lachen.
„Tja, aber nützen tun sie. Oh, mein Bus kommt! Schönen Nachmittag noch, und ich erwarte heute Abend deinen Bericht.“ Mit diesen Worten klopfte er Adriana zur Verabschiedung auf die Schulter und sprintete zum Bus.
„Danke, wünsche ich dir auch“, rief sie ihm nach.
Ihre Nervosität war auch noch nicht verschwunden als sie etwas später die Türe zum Kino öffnete und eintrat. Janina wartete bereits und sah sich suchend um. Auch sie sah nervös aus.
„Sälü“, begrüsste Adriana sie, „hast du den Film schon ausgewählt?“
„Hi. Ja, habe ich.“ Janina sah sie schüchtern an.
„Na dann gehe ich mal die Karten kaufen.“, sagte Adriana und ergänzte schnell, als Janina widersprechen wollte: “Dann kannst du dich beim Kiosk anstellen und Popcorn kaufen.“
Damit war Janina zufrieden und die zwei standen bei den jeweiligen Schlangen an.
Janina hatte eine Komödie ausgewählt und Adriana war froh darüber.
So kam Janina hoffentlich nicht so schnell auf die Idee, die Zeit zum kuscheln oder sogar fürs Küssen zu nutzen. Obwohl, anderseits war Janina ja ziemlich schüchtern.
Wie hatte Lars geraten: „Lass dich einfach überraschen.“

Nach dem Film traten die beiden in die Kälte hinaus. Janina lachte immer noch über die Schlussszene.
„Der Film war echt witzig. Hat sich echt gelohnt den zu schauen.“
Sie atmete tief durch, nur um danach gleich wieder zu lachen.
Auch Adriana lachte.
„Stimmt, da hast du eine gute Wahl getroffen“, gab sie Janina recht.
Sie beobachtete Janina, die sich jetzt wieder etwas beruhigte und stellte fest, dass ihr Herz ziemlich klopfte dabei. Verwirrt wandte sie sich ab. Was war mit ihr los? Sie stand doch gar nicht auf Mädchen.
Sie riss sich zusammen und fragte dann: „Wollen wir noch etwas trinken gehen? Dort drüben ist ein Cafe, das ziemlich gemütlich aussieht.“
„Wie spät ist es?“
Adriana sah auf ihr Handy.
„Gleich halb sechs.“
„Mist, wir essen um sechs. Tut mir Leid, heute geht nicht mehr, aber ein andermal gerne.“
Sie lächelte Janina fragend an.
„Kein Problem. Wie kommst du nachhause?“
„Mit dem Bus. Ich hab einen Bus der von hier direkt in mein Quartier fährt.“
„Wo wohnst du den?“
Janina nannte den Quartiernamen. Adriana überlegte kurz, dann nahm sie einfach Janinas Hand und zog sie zur Bushaltstelle.
Diese sah sie überrascht an.
„Du willst mich doch nicht begleiten?“
„Wieso nicht?“ Adriana grinste. Sie wusste selbst nicht so genau wieso, aber sie fühlte sich in Janinas Nähe einfach wohl.
Darauf wusste Janina keine Antwort und deshalb fragte sie: „Wo wohnst du denn? Du musst nicht extra wegen mir einen Umweg fahren.“
Adriana winkte ab: „Ich habe eh nichts besseres vor. Und so ein Umweg ist es nicht, ich kann zwei, drei Stationen weiter umsteigen.“
Janina wollte nochmals protestieren, aber da gerade ein Bus hielt, liess sie sich von Adriana in den Bus ziehen und setzte sich neben sie auf einen Sitz.
Dort  wurde Adriana bewusst, dass sie immer noch Janinas Hand hielt und liess sie sofort los.
„Sorry.“ Verlegen sah sie aus dem Fenster und fragte sich selbst, was im Moment mit ihr los war.
„Kein Problem.“ Janina war auch verlegen.
So schwiegen sie einige Minuten und beide hingen ihren Gedanken nach.
Janina brach das Schweigen als Erste wieder.
„Du kommst aus der Schweiz, oder?“
Der Gedanke an die Schweiz schmerzte, aber Adriana versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
„Ja.“
„Muss ziemlich schwer gewesen sein, einfach so umzuziehen?“
Adriana seufzte.
„Ja, und es ist noch immer nicht ganz einfach.“
Sie seufzte erneut.
„Manchmal würde ich am liebsten in einen Flieger steigen und zurückfliegen.“
Sie starrte in die Nacht hinaus.
Janina schwieg jetzt auch wieder.
Aber Adriana hatte sich schnell wieder gefangen.
„Und du hast schon immer hier in Hannover gewohnt?“
„Ja, allerdings nicht immer im selben Haus, wir sind mal umgezogen. Aber nur in ein Nachbarquartier. Deshalb hat sich nicht viel geändert für mich. Ich bin jetzt sogar näher bei meinen Freunden und der Schule.“
„Dann hatte das ja nur Vorteile für dich.“ Adriana lachte sie an.
„Ja.“ Janina lachte auch.
„Oh, an der nächsten Haltestelle muss ich aussteigen.“ Sie drückte den Halteknopf und stand auf.
Adriana stand ebenfalls auf. Janina sah sie überrascht an.
„Ich dachte du müsstest erst an der übernächsten Haltestelle umsteigen?“
„Stimmt, aber ich habe gesagt, dass ich dich nach Hause begleite. Und du wohnst sicher nicht im Wartehäuschen?“, grinste Adriana und fragte sich zugleich was mit ihr los war.
Janina bemerkte, dass jeder Widerstand zwecklos war und sagte nichts mehr.
Der Bus hielt und die zwei stiegen aus.
„Du müsstest mich echt nicht begleiten, ich wohne nur da die Strasse runter.“
„Tja ich bin eben ganz ein Gentleman“, lächelte Adriana.
Sie spazierten die Strasse hinunter und unterhielten sich jetzt über die verschiedenen Lehrer an der Schule. Janina war eine Klasse unter Adriana, aber hatte mit zwei, drei gleichen Lehrern Unterricht.
Sie waren so in das Gespräch vertieft, dass sie fast an Janinas Haus vorbei gelaufen wären.
„Halt, hier wohne ich.“
„Schön“, fand Adriana.
„Naja es ist nicht so gross, aber schön gemütlich.“
Jetzt standen sie verlegen voreinander und Adriana wusste nicht so genau, wie sie sich von Janina verabschieden sollte. Einfach ‚auf Wiedersehen’ sagen und gehen? Oder ihr die Hand geben? Oder sie sogar umarmen?
Janina schien sich dieselbe Frage zu stellen, kam aber als erste zu einer Antwort und umarmte Adriana.
„Es war echt ein schöner Nachmittag mit dir.“
Adriana, die erst erschrocken gewesen war, hatte sich wieder gefangen und umarmte Janina ebenfalls.
„Find ich auch. Wenn du willst, können wir uns wieder mal treffen.“
„Gerne. Also tschüss. Man sieht sich morgen in der Schule.“
„Tschüss, bis morgen.“
Sie lösten sich voneinander und Janina lief zur Wohnungstüre.
Adriana sah ihr nach und bevor Janina verschwand, drehte sie sich nochmals kurz um und winkte ihr zu. Sie winkte zurück und machte sich nun auf den Weg zurück zur Bushaltestelle.
Dabei bemerkte sie, dass ihr Herz wieder ziemlich klopfte.
Sie musste unbedingt mit Lars reden.

7.

Als Adriana etwas später ihr Zimmer betrat, klingelte ihr Handy und Lars rief an.
Sie hob ab. „Hi. Ist wohl mal wieder Gedankenübertragung, wollte dich auch gleich anrufen.“
„Tja, jetzt war ich halt schneller.“ Lars lachte und fragte dann: „Und wie lief es heute Nachmittag?“
„Gut“ Adriana lächelte erst, wurde dann aber ernst: „Können wir uns treffen? Ich muss unbedingt mit dir reden.“
„Klar. Um was geht es denn?“, fragte Lars etwas überrascht.
„Kann ich dir nicht am Telefon erklären. In einer Viertelstunde im Park, geht das?“
Der Park war mittlerweile so etwas wie ihr Treffpunkt geworden.
„Jep, ich bin da.“
„Danke, bis dann“
„Bis nachher.“
Adriana hängte erleichtert auf und machte sich wieder auf den Weg.
Sie sah Lars schon von weitem auf der Bank auf dem Hügel sitzen.
Er grinste sie an und streckte ihr eine Tüte hin.
„Eine heisse Marroni zur Stärkung?“
„Oh ja gerne.“ Adriana nahm einige heraus und setzte sich.
„Also, über was willst du mit mir reden?“, fragte Lars dann direkt.
Adriana seufzte: „Es ist nicht so einfach zu erklären. Ich, naja, also…“
Sie brach ab und seufzte erneut.
Danach holte sie tief Luft und sagte: „Ich glaube ich habe mich in Janina verliebt.“
Lars sah ziemlich überrascht sie an. „Bist du sicher?“
„Naja, ich weiss nicht genau, aber ich fühle mich ziemlich wohl bei ihr und als sie mich zum Abschied umarmt hat, hatte ich Herzklopfen. Und wenn sie mich anlächelt, habe ich ein Gefühl im Bauch, das sich wie Schmetterlinge anfühlt. Ich weiss auch nicht was mit mir los ist, ich meine, ich stehe doch eigentlich nicht auf Frauen.“
Sie sah nachdenklich in den Himmel.
Lars sagte erst nichts; es schien, als müsste er die Nachricht erst verdauen.
„Sie weiss nicht, dass du in Wirklichkeit kein Junge bist?“
„Nein.“
Er schwieg wieder. Als Adriana ihm einen Seitenblick zuwarf, sah sie, dass er ungewohnt ernst und nachdenklich in den Himmel starrte.
Das hob ihre Stimmung auch nicht unbedingt.
Endlich räusperte er sich wieder und sagte danach: „Es gibt drei Möglichkeiten: 1. Du bleibst ein ‚Junge’ und siehst mal wie das Ganze weitergeht. 2. Du bleibst ebenfalls ein ‚Junge’, erklärst ihr aber das aus euch nichts werden kann. 3. Du klärst das Ganze auf.“
Er sah sie an.
Adriana seufze erneut. „Keine der Möglichkeiten klingt sehr verlockend. Vielleicht wäre es definitiv das Beste, wenn ich wieder zurück in die Schweiz gehen würde.“
„Da hättest du vielleicht dann andere Probleme. Ich würde vorschlagen wir sehen mal, wie die Welt morgen aussieht. Vielleicht bist du auch nur etwas verwirrt. Schliesslich war es ja heute dein erstes Date als Junge.“
Er grinste jetzt wieder sein gewohntes Grinsen.
„Hmm… Vielleicht hast du recht.“ Sie war sich zwar nicht ganz sicher, aber vielleicht war es das Beste.
„Danke.“
Lars sah sie überrascht an: „Für was? Ich habe dir doch gar nicht viel geholfen.“
„Doch, du hast mir zugehört.“ Sie lächelte ihn an. „Dass hat auch schon etwas geholfen.“
„Dafür sind doch Freunde da!“
Adriana konnte nicht anders, sie umarmte ihn kurzerhand.
Es tat einfach zu gut das zu hören, und ihr ging es schon etwas besser.

Am nächsten Tag in der grossen Pause hielt Adriana Ausschau nach Janina.
Lars beobachtete sie belustig, allerdings sah sie auch etwas Besorgnis in seinem Gesicht.
Nicht ganz zu Unrecht, denn Adrianas Herz klopfte ziemlich wild. Sie versuchte allerdings, sich nichts anmerken zu lassen und gab sich cool.
Als dann aber Janina auf sie zulief, war das gar nicht mehr einfach, denn sie wurde ziemlich nervös und ihr Herz klopfte noch schneller.
Janina lächelte scheu. „Guten Morgen.“
„Hi.“ Adriana erwiderte das Lächeln. „Gut geschlafen?“
„Ja. Du auch?“
„Klar.“
Verlegen standen sie sich gegenüber und wussten nicht mehr, was sie sagen sollten.
Lars, der amüsiert danebengestanden hatte, brach das Schweigen: „Ich gehen schnell in die Cafeteria etwas kaufen. Wollt ihr auch etwas?“
Als beide verneinten, drehte er sich um und verschwand in Richtung Cafeteria.
„Das war übrigens Lars“, stellte ihn Adriana noch vor.
„Cool. Sag mal, was machst du eigentlich heute Nachmittag so?“,  fragte Janina danach.
„Ich habe bis 15:30 Schule und anschliessend wollten Lars und ich einige Firmen abklappern, wegen einem Ausbildungsplatz.“
„Ach so.“ Janina sah etwas enttäuscht aus.
„Aber wenn du willst können wir uns morgen treffen?“
„Morgen kann ich nicht, ich hab Training.“
„Was trainierst du den?“
„Volleyball.“
Adriana verzog das Gesicht. Sie mochte Volley nicht unbedingt.
Janina lachte, als sie ihre Grimasse sah.
„Okay, die Frage ob du Volley magst erübrigt sich.“
„Sorry, aber ich mag es nicht so. Bei mir fliegt der Ball immer irgendwo hin, nur nicht dorthin wo er sollte.“
„Machen sie bei mir auch nicht immer, aber was soll’s.“
„Naja, jedem das Seine.“
Sie lächelten sich an. Adriana spürte, wie ihr Herz wieder schneller klopfte.
„Gehst du am Wochenende auch aus?“, fragte sie.
„Manchmal, wenn eine spezielle Party ist oder jemand eine Geburtstagsparty feiert oder so. Und du?“
„Ich gehe fast jedes Wochenende aus. Jetzt treffe ich mich meistens mit Lars im ‚Rocks’. Sonst kenne ich die Clubs hier noch nicht so. Und solche Feste und Partys wie in der Schweiz gibt’s ja hier nicht so. Leider.“ Adriana dachte wehmütig an die lustigen Abende mit ihren Freunden. Aber sofort verdrängte sie die Erinnerung wieder.
„Vom ‚Rocks’ habe ich schon gehört, was allerdings noch nie dort. Aber wenn du willst zeige ich dir mal die Disco, in die wir immer gehen.“
„Gerne. Wie wäre es mit diesem Samstagabend?“
„Das wäre gut.“ Janina strahlte, was Adrianas Gefühle wieder ziemlich durcheinander brachte.
Sie war froh, dass Lars in diesem Moment wieder zurück kam.
Er hatte wieder sein typisches Grinsen aufgesetzt, aber Adriana entging nicht, dass er sie prüfend ansah.
„Ich gehe mal wieder ins Klassenzimmer zurück, kommst du auch mit?“
„Ja, ich komme auch gleich.“, antwortete ihm Adriana und wandte sich danach wieder Janina zu: „Schreiben wir uns noch, wegen Samstagabend?“
„Ja, ist gut.“
Adriana konnte nicht anders; sie umarmte Janina kurz zum Abschied.
Auf dem Weg ins Schulzimmer fragte Lars: „Was ist den mit Samstagabend?“
„Janina und ich gehen vielleicht zusammen aus.“ Adriana versuchte es so cool wie möglich zu sagen.
„Ach so“, antwortete Lars, mehr sagte er nicht. Aber sie sah an seinem Blick, dass er das Ganze nicht für so eine gute Idee hielt.

8.

Donnerstag und Freitag gingen ziemlich schnell vorbei, und so stand der Samstag schnell vor der Tür.
Adriana freute sich auf den Abend. Sie hatte sich um halb neun mit Janina vor der Disco verabredet. Lars würde auch kommen, was Adriana recht war, da auch Freunde von Janina dort sein würden. Falls Janina nur mit denen zusammen sein sollte, stand sie trotzdem nicht alleine da.
Als Adriana sich bereit machte, klopfte es an der Tür. Sie schreckte aus ihren Überlegungen hoch wie der Abend wohl laufen würde und sagte: „Ja?!“
Die Tür öffnete sich und ihre Mutter streckte den Kopf herein.
„Darf ich kurz hereinkommen?“
Aber ohne eine Antwort abzuwarten trat sie einfach ein. Das war mal wieder typisch. Adriana verdrehte genervt die Augen und kontrollierte, ob sie noch genug Geld in ihrem Geldbeutel hatte.
Ihre Mutter sah sich im Zimmer um und räusperte sich dann. „Gehst du heute wieder mit Lars ins ‚Rocks’?“
„Nein, ich gehe mit einer Kollegin in eine Disco. Aber Lars kommt auch mit.“
„Du hast eine Freundin gefunden?“, fragte die Mutter erfreut. „Wie schön.“
„Mach dir keine Hoffnungen. Sie denkt, wie alle andern ausser Lars auch, ich sei ein Junge. Und das wird auch so bleiben.“
Das Lachen auf dem Gesicht ihrer Mutter erstarb und sie sah ratlos und auch besorgt aus.
„Ich verstehe das einfach nicht. Wieso verkleidest du dich? Du warst doch immer gerne ein Mädchen, trotz deinem Beruf. Du weißt doch, wenn du Probleme hast, kannst du immer mit mir reden.“
Adriana verdrehte wieder nur die Augen und drehte sich zum Spiegel um zu sehen, ob ihr Cap richtig sass.
Danach wandte sie sich wieder ihrer Mutter zu: „Du weißt genau, was mein Problem ist.“
Sie schnappte sich ihr Handy und ihren Geldbeutel.
„So, ich muss gehen. Bin um halb neun mit Janina verabredet und will sie nicht warten lassen. Das macht sich auch beim zweiten Date nicht.“
Sie ging zur Tür raus, drehte sich aber auf der Schwelle noch einmal um: „Ach ja, und ich bin übrigens im Moment auf der Suche nach einem neuen Ausbildungsplatz, damit ich meine Lehre fertig machen kann. Weil Abi werde ich garantiert nicht machen.“
Mit diesen Worten lies sie ihre Mutter sitzen und machte sich auf den Weg.

Im Bus nagte ein kleines Bisschen das schlechte Gewissen an ihr, weil sie ihre Mutter nicht ganz fair behandelt hatte; sie machte sich wirklich Sorgen und fragte sich, was mit Adriana los war. Aber Adriana verdrängte es schnell wieder; sie wollte jetzt nur den Abend geniessen und nicht über das nachdenken.
Etwas später stieg sie aus dem Bus und sah Janina schon von weitem warten. Mit klopfendem Herzen und einigen Schmetterlingen im Bauch ging Adriana auf sie zu.
„Hey.“
„Hallo.“
Sie gaben sich drei Begrüssungsküsse auf die Wange und standen sich danach verlegen gegenüber.
„Wollen wir schon rein? Oder noch auf die andern warten?“, fragte Adriana endlich.
„Ich würde sagen, wir gehen rein. Da ist es wärmer“, bestimmte Janina.
Sie bezahlten an der Kasse den Eintritt, gaben ihre Jacken ab und betraten dann die Disco. Auf dem Weg zur Bar sah sich Adriana neugierig um. Da es noch ziemlich früh am Abend war, war die Disco noch fast leer. Vereinzelt standen Leute an der Bar oder hatten es sich auf den Sofas, die entlang einer Wand standen, gemütlich gemacht. In einer Ecke, etwas erhöht, war das DJ-Pult aufgebaut, hinter dem der DJ lässig einige Platten sortierte.
Adriana bestellte etwas zu Trinken für beide und anschliessen liessen sie sich auf einem Sofa nahe beim Eingang nieder, damit sie sahen, wenn Lars oder Janinas Clique kam.
Erst wusste keine der beiden etwas zu sagen und sie sassen nur nervös nebeneinander.
Adriana beobachtete die wenigen Leute, und als könnte Janina Gedankenlesen sagte sie: „Ich könnte stundenlang irgendwo sitzen und Leute beobachten, ihre Kleidung und ihr Verhalten studieren.“
Adriana lachte: „Gut, dass mal von einem Städter zu hören. Ich habe mich immer wie ein Landei gefühlt, weil ich das so interessant fand.“
„Weißt du ja gar nicht, vielleicht bin ich ja auch ein Landei.“
Das Eis war gebrochen und die Zwei unterhielten sich über die vielen verschiedenen Leute die es gab und die Unterschiede von Stadt- und Landmenschen.
Die Zeit verging und die Disco füllte sich langsam.
„Hey, da kommen meine Leute.“ Janina zeige auf den Eingang und winkte ihnen dann zu. „Selina, Mona, hier sind wir!“
Zwei Mädchen, die Adriana vom Sehen her kannte, drängten sich durch die Leute zu ihnen, gefolgt von zwei Jungs. Bei ihnen angekommen, begrüssten sie erst Janina und danach Adriana, die sich natürlich als Adrian vorstellte.
Kurz darauf tauchte auch Lars auf. Adriana war froh; auch wenn Janinas Freunde nett waren, fühlte sie sich gleich wohler.
Langsam füllte sich die Tanzfläche.
Auch Selina und Mona beschlossen, sich der tanzenden Menge anzuschliessen. Janina stand ebenfalls auf.
„Kommst du auch?“ Sie sah Adriana auffordern an.
„Nö, ich glaube besser nicht. Ich kann nicht tanzen.“
„Ach, das ist doch egal. Ich kann es auch nicht. Hauptsache man hat Spass daran.“
Damit schnappte sich Adrianas Hand und zog sie einfach mit.
Erst bewegte sich Adriana unsicher zur Musik, wurde aber immer sicherer.
„Und du sagst, du könntest nicht tanzen?!“, rief Janina ihr über die Musik zu.
„Das kann ich von dir auch sagen.“ Adriana lachte.
Sie tanzen weiter und hatten jede Menge Spass.
„So, und jetzt kommt etwas für unsere Verliebten hier“, kündigte der DJ an und legte einen aktuellen Schmusesong auf.
Verlegen standen Janina und Adriana voreinander. Dann trat Adriana einen Schritt auf Janina zu und ehe sie sich versah, umarmten sie sich und wiegten sich zum Takt der Musik.
Es folgte ein weiterer Schmusesong und Adriana wünschte, es könnte ewig so sein.
Sie sah Janina an und ihre Blicke trafen sich. Ihre Gesichter näherten sich einander und sanft küssten sie sich. Und Adrianas Gefühle spielten wieder verrückt. Einerseits wusste sie, dass das hier falsch war, andererseits war es einfach zu schön.
Sie ignorierte das schlechte Gewissen und genoss den Kuss.
Schliesslich war der Song zu Ende, der DJ legte wieder ein rockigeres Lied auf und es herrschte wieder mehr Bewegung auf der Tanzfläche.
Janina und Adriana lösten sich voneinander und lächelten sich verlegen an, keiner wusste etwas zu sagen.
Schliesslich schlängelten sie sich Hand in Hand durch die Menge zurück zu den anderen. Diese hatten das Ganze beobachtet und Janinas Freunde grinsten ihnen entgegen. Lars starrte auf den Boden, und seine Miene war alles andere als fröhlich.
Janina wurde natürlich gleich von Selina und Mona belagert, so liess sich Adriana neben Lars aufs Sofa fallen. Dieser reagierte aber überhaupt nicht und ignorierte sie.
„Hey, was ist los? Alles in Ordnung?“ Adriana sah ihn besorgt an.
„Du weißt genau, was los ist!“ Er nickte in Richtung Janina, die aufgeregt mit den anderen tuschelte.
Adrianas Hochgefühl verpuffte augenblicklich und ihr schlechtes Gewissen meldete sich wieder.
Sie seufzte. „Es ist einfach so passiert. Und es war unbeschreiblich.“
Lars schüttelte nur den Kopf, dann stand er auf.
„Ich gehe. Hab keinen Bock mehr. Man sieht sich.“
Er nickte den anderen zu und verschwand in den Leuten. Adriana wusste instinktiv, dass es jetzt keinen Sinn hatte ihm zu folgen, und blieb verwirrt sitzen.
„Was hat er denn?“, fragte Janina und setzte sich neben sie.
„Er ist wohl etwas beleidig, weil ich heute Abend mehr mit dir zusammen bin“, erklärte Adriana und fuhr fort: „Er wird sich schon wieder beruhigen. Kein Grund zur Sorge.“
Sie lachte und hoffte, dass es echt wirkte: In Wirklichkeit war sie sich dessen nämlich nicht so sicher.

9.

Als Adriana am Montagmorgen das Schulzimmer betrat, war Lars Platz leer. Obwohl sie damit gerechnet hatte, war sie enttäuscht. Ein kleiner Teil in ihr hatte gehofft, Lars würde wie immer an seinem Platz sitzen, sie angrinsen und ihr das Neuste erzählen. Und die Lehrer hatten sich gefreut, weil er nie mehr zu spät zur ersten Stunde kam.
Demotiviert lies sie sich auf ihren Stuhl fallen. Einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, zu schwänzen und Lars zu suchen. Aber sie hatte keine Ahnung, wo sie suchen sollte und was sie ihm sagen sollte. Sie hatte ja selbst keine Ahnung wie das ganze weiter gehen sollte.
Es klingelte und Frau Berger trat ein.
Sie sah über die Klasse und ihr Blick blieb auf Lars leerem Platz hängen. Sie runzelte die Stirn.
„Adrian, weißt du wo Lars ist?“, fragte sie.
„Keine Ahnung, wahrscheinlich hat wieder einmal er verschlafen.“
Adriana zuckte mit den Schultern.
„Ich habe gedacht, er hätte sich gebessert. Aber so wie es aussieht habe ich mich getäuscht.“
Sie schlug das Klassenbuch auf und trug Lars Abwesenheit ein.
Anschliessend begann sie mit dem Unterricht.
Adriana bekam nicht viel mit, ihre Gedanken kreisten immer wieder um den Samstagabend und die Reaktion von Lars.

Als es zur Pause klingelte, war Adriana immer noch zu keinem Ergebnis gekommen.
Nachdenklich sah sie sich im Zimmer um. Es war das erste Mal, dass Lars nicht da war und sie fühlte sich etwas einsam. Da sie immer nur mit ihm zusammen war, kannte sie die andern nicht so gut. Sie überlegte ob sie einfach auf ihrem Platz sitzen bleiben soll und die andern beobachten sollte oder sich zu einer Gruppe stellen sollte.
Die Entscheidung wurde ihr von Lisa und Tiziana abgenommen, die jetzt auf sie zu kamen.
In letzter Zeit hatten sie Adriana etwas in Ruhe gelassen, da sie Lars nicht so mochten. Allerdings sah es jetzt so aus, als würden sie einen weiteren Versuch starten.
„Na, so wie es aussieht taucht Lars heute nicht mehr auf?!“ Lisa setzte sich auf den leeren Stuhl, Tiziana auf das Pult.
„Wieso meinst du? Nur weil er nicht zur ersten Lektion kommt, heisst das nicht, dass er gar nicht kommt.“
„Stimmt, aber meistens ist er während der ersten aufgetaucht. Oder eben gar nicht.“, erklärte Tiziana.
„Hey, aber wenn du nicht so alleine hier sitzen willst, kannst du dich neben uns setzten, da ist noch ein Platz frei. Oder ich mich hier her“, schlug Lisa vor.
Sofort protestierte Tiziana: „Und was ist mit mir? Soll ich alleine vorne bleiben? Du weißt doch, dass mich die Berger auf dem Kieker hat!“
Sie sah Lisa empört und auch etwas eifersüchtig an.
Adriana verdrehte genervt die Augen. Sie hatte absolut keine Lust neben einer von ihnen zu sitzen, weder neben Lisa noch Tiziana.
„Wisst ihr was? Ich glaube, ich sitze sowieso am liebsten alleine.“
Lisa sah sie beleidigt an.
„Dann halt nicht.“
Sie verzogen sich zurück an ihre Plätze und Adriana atmete erleichtert auf.
Auch von den nächsten Lektionen bekam sie nicht viel mir, aber als es zur grossen Pause klingelte hatte sie einen Entschluss gefasst: Sie musste zu Lars, obwohl sie immer noch keine Ahnung hatte was sie sagen wollte. Aber irgendetwas würde ihr schon einfallen.

Auf dem Schulhof begegnete sie Janina. Sofort schlug Adrianas Herz schneller und die Schmetterlinge in ihrem Bauch meldeten sich auch wieder.
„Hi“, begrüsste Janina sie mit einem verlegenen Lachen.
„Hallo.“ Adriana lachte zurück.
„Habt ihr keine Schule mehr?“, fragte Janina mit einem verwirrten Blick auf Adrianas Rucksack.
„Doch, aber ich habe keinen Bock heute.“, antwortete diese, was ja auch stimmte.
„Und wieso?“ Janina sah sie fast etwas vorwurfsvoll an.
Adriana seufzte genervt; Vorwürfe waren dass letzte was sie jetzt hören wollte.
„Weil ich im Moment andere Dinge im Kopf habe und die klären muss.“
Sie hatte eigentlich nicht so reagieren wollen, aber es war zu spät.
Janina sah sie beleidigt an.
„Dann will ich dir nicht weiter im Weg stehen. Schönen Tag noch.“
Damit drehte sie sich um und ging davon.
„Janina, warte, es war nicht so gemeint! Sorry!“
Doch Janina reagierte nicht.
Adriana seufzte erneut, diesmal jedoch eher verzweifelt. Nach Lars hatte sie jetzt auch noch Janina verärgert.
Mit hängendem Kopf machte sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle, um in die Stadt zu fahren.

Adriana sah Lars schon von weitem auf der Bank im Park sitzen. Etwas ausser Atem kam sie oben an.
„Was willst du den hier?“
Er sah nicht gerade erfreut aus, sie zu sehen.
„Ich will mit dir reden.“
„Ach ja.“
Widerwillig rückte er etwas zur Seite und machte ihr Platz damit sie auch sitzen konnte.
Sie wusste nicht wie sie beginnen sollte und sass erst mal schweigend neben ihm.
„Also, über was willst du mit mir reden?“
„Über das was Samstagabend passiert ist.“
„Und was willst du da noch sagen?“
Adriana seufzte.
„Ich weiss selbst dass es falsch war, Janina zu küssen, überhaupt mich mit ihr zu treffen. Aber… ich… du weißt doch selbst, wenn man etwas nicht sollte, reizt es einem noch viel mehr. Und ich fühle mich einfach wohl wenn ich mit Janina zusammen bin.“ Sie verstummte.
Auch Lars sagte nichts. Adriana wagte nicht ihn anzusehen, sie wusste selbst nicht wieso.
So redete sie weiter: „ Es tut mir leid. Ich hätte auf dich hören sollen, weil jetzt ich definitiv keine Ahnung mehr habe, wie es weiter gehen soll. Ich weiss nur, dass wenn ich die Freundschaft zu dir durch die Sache kaputt gemacht habe, haue ich definitiv wieder ab in die Schweiz. Ohne dich hat es keinen Sinn mehr hier zu sein.“
Sie seufzte erneut und sah über den Park, den ihr in den letzten Wochen so vertraut geworden war.
Als Lars immer noch keine Anstallten machte etwas zu sagen und stur einen Punkt fixierte, stand sie auf.
„So wie es aussieht, habe ich definitiv wieder alles kaputt gemacht. Schönen Tag noch.“
Damit ging sie mit hängenden Schultern davon.
Weit kam sie aber nicht. Nach einigen Schritten stand Lars neben ihr.
„Ich glaube, ich habe genau gleich viel Schuld an unserem Streit, falls man das so nennen kann. Ich habe etwas überreagiert. Tut mir auch leid. Und ich will nicht, dass du zurück in die Schweiz gehst, weil so einen coolen Pultnachbar wie dich findet man nicht so schnell.“
Adriana drehte sich erleichtert zu ihm um und lächelte. Auch er lächelte.
„Also, was fangen wir mit diesem angefangenen Tag noch an?“, fragte er dann. „Gehen wir in die Schule oder machen wir und einen schönen Tag?“
„Ich wäre für den zweiten Vorschlag, weil ich auf Schule keinen Bock mehr habe.“
„Gut, habe eigentlich auch nicht anderes erwartet!“
Er grinste wieder sein typisches Grinsen.
„Geniessen wir einfach den Tag!“
„Genau.“, stimmte ihm Adriana zu. Das war jetzt genau das, was sie brauchte.

10.

Am nächsten Morgen als Adriana den Schulhof betrat, sah sie als erstes Janina mit ihren Kolleginnen. Am liebsten hätte sie sich sofort wieder umgedreht und hätte auch diesen Tag geschwänzt. Dann aber verliess sie den Mut und sie drückte sich durch die Gruppen Richtung Schulhaus. Dabei musste sie auch an Janina vorbei, die sie ignorierte. Adriana seufzte, wenn Janina jetzt schon beleidigt war, wie würde sie erst reagieren, wenn sie erfahren würde, dass sie, Adriana, eigentlich auch ein Mädchen ist. Endlich erreichte sie die Eingangstür. Im Schulhaus war es ruhiger und weniger ein Gedrängel, so dass sie ihr Klassenzimmer schneller erreichte. Mit einem tiefen Seufzer lies sie sich neben Lars fallen. Dieser war ihr ein aufmunternden Blick zu.
„Janina ignoriert mich immer noch. Sie hat mir heute keines Blickes gewürdigt, als ich neben ihr vorbei lief. Und auch auf meine SMS, die ich ihr gestern geschrieben habe, hat sie nicht geantwortet.“, erklärte Adriana ihm.
„Hey, das wird schon wieder“, versuchte er sie aufzumuntern. „Lass ihr etwas Zeit.“
Aber Adriana hatte keine Zeit etwas zu erwidern den Lisa und Tiziana traten zu ihnen.
Anscheinend waren sie nicht so nachtragend wie Janina.
„Ah, hattest du heute keine Lust zu schwänzen, Lars?“, frage Lisa hochnäsig.
„Nö, ich will doch nicht, dass du mich zu sehr vermisst.“
Lars grinste sie frech an.
„Dich würde ich nicht mal vermissen, wenn du ein Jahr fehlen würdest.“
Dann wandte sie sich sofort an Adriana: „Aber dich habe ich gestern vermisst. Wieso bist du denn in der grossen Pause abgehauen?“
Adriana zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, hatte einfach keinen Bock mehr ohne Lars.“
Lars warf den Beiden einen triumphierenden Blick zu.
Da es klingelte und die Franzlehrerin das Klassenzimmer betrat, machten sich die zwei auf den Weg zu ihren Plätzen. Aber nicht ohne sich noch einmal umzudrehen und Lars einen gehässigen Blick zuzuwerfen, der diese mit einem „ich mag euch auch“ kommentierte.
Zu Adriana gewandt sagte er: „Ich mag es einfach, die zwei zu nerven!“
Seine Laune war ansteckend und sie musste trotz allem lachen.

In der grossen Pause brachte Lars das Gespräch auf die Lehrstellensuche.
„Hast du eigentlich mal etwas von den zwei Firmen, bei denen du dich schriftlich beworben hast, gehört?“
„Die eine hat mir abgesagt und von der anderen habe ich bis jetzt noch nichts gehört.“
Lustlos biss Adriana in ihr Sandwich.
„Komm, wir gehen heute noch mal die Adressliste durch und suchen weiter“, schlug Lars vor.
Aber Adriana winkte ab: „Vergiss es, es hat eh keinen Sinn. Mich will eh keine Firma. Vielleicht ist es definitiv das Beste wenn ich einfach Abi mache und damit meiner Mutter eine Freude.“
Seit dem Gespräch vom letzten Samstag war das Verhältnis zwischen ihrer Mutter und ihr ziemlich angespannt.
„Du willst dich also die nächsten zwei Jahre auf die Schulbank drücken, um nach dem Abi wieder von vorne anzufangen und obwohl du keine Lust darauf hast? Und damit die letzten zwei Jahre einfach nur Zeitverschwendung war?“
Lars sah sie verärgert, aber auch erstaunt an, weil er nicht verstehen konnte, dass sie so schnell aufgab.
Adriana sah genervt zurück.
„Erstens bin ich nicht die einzige die keine Lust auf die Schule hat, du hast genau so wenig Lust. Und zweitens habe ich ja keine andere Möglichkeit!“
 „Doch hast du!“, widersprach er. „Wir haben noch lange nicht bei allen Firmen angefragt und solange besteht noch die Chance, dass du nicht Abi machen musst.“
„Ich weiss nicht ob das noch etwas bringt? Was wenn ich überall Absagen erhalte?“
„Dann hast du es wenigstens versucht.“
Gegen dieses Argument kam sie nicht an und so gab sie sich geschlagen.
„Na gut, gehen wir heute in der Mittagspause die Liste nochmals durch.“
Lars sah sie aufmunternd auf und lachte wieder.
 „Manchmal frage ich mich echt, was für Drogen du nimmst, weil du immer so gute Laune hast“, brummte Adriana.
Doch Lars gab keine Antwort, er grinste sie einfach nur mit seinem typischen Grinsen an.

In der Mittagspause suchten sie sich mögliche Adressen von der Liste, bei denen sie noch nicht angerufen hatten und trafen sich am nach der Schule bei Lars um dies zu erledigen.
Allerdings sollte Adriana recht behalten, entweder erhielt sie eine Absage oder sie musste sich schriftlich bewerben. Doch viel Hoffnung bestand nicht.
Adriana sass lustlos ans Bett gelehnt. Lars versuchte sie abzulenken.
„Hey, nächsten Samstag spielt im „Rocks“ die Band ‚Revonnah’. Die haben letztes Jahr am Schulfest gespielt. Sind ziemlich gut.“
„Cool“, antwortete Adriana abwesend.
Doch Lars gab nicht so schnell auf: „Am Schulfest haben sie echt Stimmung gemacht. Und die Mädels fanden alle den einen Gitarristen cool. Du hättest sehen sollen, wie die ihn vor der Bühne angeschmachtet und später auf der Party angeflirtet haben. Am Samstag werden sicher auch wieder einige da sein. Da haben wir wieder etwas zu lästern. Falls du kommst, heisst das!“
Fragend sah er sie an.
Adriana bemerkte, dass er sie etwas gefragt hatte und sah ihn verwirrt an.
„Was hast du gesagt? Ich habe gerade nicht zugehört, sorry.“
„Das habe ich gemerkt. Ich habe dich gefragt ob du nächsten Samstag auch ins „Rocks“ kommst? ‚Revonnah’, eine Art Schülerband vom Gymnasium, spielt.“
 „Ähm, ja klar. Bin dabei.“
„Cool, obwohl habe eigentlich auch nicht anderes erwartet“, grinste er.
Adriana grinste schwach zurück, sie war mit den Gedanken schon wieder wo anders.

11.

Die Woche verging. Obwohl sich Lars in diesen Tagen viel Mühe gab, schaffte er es nicht Adriana Laune aufzuheitern. Zwar lachte sie zwischendurch, aber nie lange. Danach versank sie wieder in ihren eigenen Gedanken.
Janina hatte sie die ganze Woche nicht mehr gesehen, allerdings hatte jemand gesagt, sie sei krank. Aber Adriana traute sich nicht, bei ihr vorbei zuhause vorbei zu gehen.
Samstagabend trafen sie sich beim Bahnhof und liefen zusammen Richtung „Rocks“.
Lars war wie immer gut gelaunt und Adriana lies sich anstecken. Nach der Woche freute sie sich darauf alles etwas zu vergessen und zu feiern.
„Jetzt bin ich echt gespannt, wie viele Mädels da sein werden.“ Lars verdrehte die Augen.
„Solange sie nicht kreischen ist mir das egal. Hauptsache ich habe irgendwo Platz zum sitzen und kann die Musik hören.“
„Na, das werde ich hoffen. Und sonst machen wir und halt Platz“, grinste er.
„Genau.“
Sie erreichten das „Rocks“ und traten ein.
Es waren wirklich aussergewöhnlich viele Mädchen da, die vor allem in der nähe der Bühne standen. An der Bar, wo Adriana und Lars meistens sassen, war aber noch mehr als die Hälfte frei. Sie setzten sich so, dass sie einen guten Blick auf die Bühne hatten.
Dort waren die Bandmitglieder und die Techniker dabei den Soundcheck zu machen und alles vorzubereiten. Adriana sah erst interessiert zu, dann wandte sie sich wieder Lars zu.
Dieser beobachtete mit einem amüsierten Lächeln die Mädchen.
„Ich glaube das gibt’s auch selten, das die Mädchen in Überzahl sind.“
„Glaube ich dir.“
Sie sah zu den Mädchen, die kicherten, aufgeregt miteinander tuschelten und das Treiben auf der Bühne verfolgten. Einem Jungen, der mit dem Rücken zu ihr stand, warfen sie auffällig viele Blicke zu. Adriana nahm an das er einer der Band war.
Als könnte Lars Gedankenlesen zeigte er auf den Jungen und sagte: „Das ist Domenico, wegen ihm sind die meisten hier. Er schreibt fast alle Texte und ist so etwas wie der Bandleader. Allerdings spielt er meistens Gitarre. Das Singen überlässt er Sven“, er zeigte auf den Jungen am Mikrofon und erklärte weiter: „Nur bei ein, zwei Songs singt er selbst. Was schade ist, seine Stimme ist viel besser als die von Sven. Aber das müssen sie wissen.“
Lars zuckte mit den Schultern.
Die Leute verschwanden langsam von der Bühne, der Soundcheck schien fertig zu sein.
Adriana und Lars drehten sich wieder zur Bar.
Bald wurde das Licht langsam ausgeschaltet und die Scheinwerfer, die die Bühne beleuchtete eingeschaltet. Die Band betrat die Bühne.
„Hey zusammen! Wir sind ‚Revonnah’ und freuen uns heute Abend hier sein zu dürfen. Ich hoffe wir haben eine geile Zeit zusammen!“, begrüsste Sven, der Sänger, das Publikum.
Damit gab er dem Schlagzeuger ein Zeichen, dieser gab den Tack vor und Domenico, Sven, der zum Singen ebenfalls Gitarre spielte, und der Bassist stimmten mit ein.
Lars hatte recht gehabt, sie spielten wirklich gut. Adriana fand auch die Stimme von Sven nicht schlecht, allerdings hatte Domenico noch nicht gesungen.
Dieser zog schon jetzt die meisten Blicke auf sich. Doch Adriana achtete nicht so auf ihn, sie konzentrierte sich mehr auf die Musik. Die Songs waren mal rockig, mal ruhig, genau die Richtige Mischung.
„So, jetzt kommen wir bereits zu unserem zweitletzten Lied“, kündigte Sven an. „Und bei dem überlasse ich Dom das Mikrofon.“
Damit trat Domenico neben ihn und Sven ging an dessen Platz.
Domenico räusperte sich:
„Dieser Song heisst ‚Alles ändert sich’. Er ist erst vor kurzem entstanden und ich hoffe er gefällt euch.“
Er spielte einige Akkorde auf seiner Gitarre und fing dann an zu singen:

Jetzt sitzt du wieder da,
Siehst alle Erinnerungen vorbei ziehen,
Denkst an alle schönen Erlebnisse,
Die coolen Leute die damals dabei waren.

Du denkst an die Sommer,
Heisses Wetter, lange Abende,
Du denkst an die Winter,
Kaltes Wetter, viel Schnee.

Du denkst an all das zurück und weißt,
Es wird nie mehr so sein.

Alles ändert sich,
Die Zeit läuft unerbittlich,
Sekunde für Sekunde,
Minute für Minute,
Und du kannst nichts dagegen tun.

Jetzt sitzt du wieder da,
Siehst all’ die Bilder aus vergangener Zeit,
Da auf der Party, da am Meer,
Da auf dem Konzert, da beim chillen.

Du möchtest alles nochmals erleben,
All die Leute wiedersehen,
Die Stimmungen wieder fühlen,
Und dabei nicht an später denken.

Du denkst an all das zurück und weißt,
Es wird nie mehr so sein.

Alles ändert sich,
Die Zeit läuft unerbittlich,
Sekunde für Sekunde,
Minute für Minute,
Und du kannst nichts dagegen tun.

Alle sagen man soll im Hier und Jetzt leben,
Du versuchst es auch, immer auf der Suche nach Neuem,
Doch manchmal holt dich die Vergangenheit ein,
Und du kannst nichts dagegen tun.

Alles ändert sich,
Die Zeit läuft unerbittlich,
Sekunde für Sekunde,
Minute für Minute,
Und du kannst nichts dagegen tun,
… Nichts dagegen tun.

Der letzte Akkord verklang.
Adriana sass wie versteinert da. Nicht nur, weil sie das Gefühl kannte, von dem er da sang, sondern auch, wie er sang. Domenico sang zwar nicht besser als Sven, aber er hatte etwas Besonderes in der Stimme.
Sie starrte ihn an und auf einmal blickte er in ihre Richtung.
Ihre Blicke trafen sich. Adriana war froh, dass sie sass, sie wusste nicht, ob ihre Beine sie noch getragen hätten. Ihr Herz klopfte schneller.
Verwirrt drehte sie sich weg.
„Der Song war echt cool. Findest du auch?“ Lars sah sie begeistert an.
Als sie keine Antwort gab, sah er sie besorgt an.
„Alles in Ordnung?“
„Ja, klar. Was soll den schon sein?“ Sie versuchte zu grinsen und hoffte, dass es echt aussah.
Doch Lars schien ihr nicht zu glauben und sah sie immer noch besorgt an. Schnell wandte sie sich wieder der Bühne zu. Domenico stand jetzt wieder an seinem Ort und Sven kündigte gerade das letzte Lied an.
Adriana stand mit zittrigen Beinen auf.
„Ich gehe mal kurz an die frische Luft.“
„Willst du nicht noch schnell warten? Sie spielen nur noch ein Lied. Ich möchte das noch hören. Dann komm ich mit.“
„Schon okay, hör nur ruhig das Lied. Ich kann alleine gehen.“
Lars merkte, das es keinen Sinn hatte ihr zu widersprechen: „Okay, ich komme gleich nach.“
Adriana drängte sich durch die Leute nach draussen.
Draussen setzte sie sich auf eine Mauer und atmete tief durch. Die frische Luft tat ihr gut.

12.

Die Tür öffnete sich, Lars trat heraus und setzte sich neben Adriana.
„Alles okay?“, fragte er.
„Nö“, antwortete sie ehrlich. „Aber ich verstehe selbst nicht was mit mir los ist.“
Gedankenverloren starrte sie in den Himmel. Lars seufzte, diese Miene kannte er mittlerweile ziemlich gut und wie immer versuchte er sie abzulenken.
„Schade hast du die letzten Lieder nicht mehr angehört. Dom hat noch einen weiteren Song gesungen. Der hätte dir sicher auch gefallen“, erzählte er wie nebenbei, doch Adriana wusste, dass er sie genau beobachtete.
Deshalb versuchte sie sich möglichst nichts anmerken zu lassen, was für ein Chaos in ihrem Innern wieder ausbrach, als er Domenico erwähnte. Sofort erinnerte sie sich an das Gefühl, das das Lied das er gesungen hatte und auch die Art wie er gesungen hatte, in ihr ausgelöst hatte. Und danach der Blickkontakt. Ihr Herz klopfte wieder wie wild.
Lars fiel das ganze sofort auf.
 „Willst du wirklich nicht versuchen, mir es zu erklären. Vielleicht würde es dir helfen.“
„Ich kann es dir nicht erklären, ich verstehe es ja selbst nicht!“
Sie gab etwas genervter Antwort als gewollt. Sofort tat es ihr Leid, würde noch fehlen, wenn er auch noch sauer auf sie wäre.
Doch ehe sie sich entschuldigen konnte, sprach Lars schon.
„Sorry, ich wollte dich nicht nerven. Aber du weißt, wenn du reden möchtest, ich bin da.“
„Danke.“ Adriana hätte ihn gerne umarmt, aber das ging ja nicht, für andere war sie immer noch Adrian, der Junge. So sah sie ihn nur dankbar an.
„Wollen wir wieder rein? Es wird langsam kalt hier draussen.“
Adriana zögerte, doch dann gab sie nach.
„Okay, gehen wir.“
Drinnen war die Band mit einigen Helfern daran, die Instrumente und das Equipment abzubauen und wegzutragen. Adriana sah sofort, dass Domenico nicht dabei war und atmete erleichtert auf. Trotzdem sie setzte sich an der Bar so hin, dass sie alles im Überblick hatte, falls Domenico auftauchte. Sie wusste nicht so genau was für Reaktionen er in ihr auslösen würde, deshalb wollte sie ihn frühzeitig sehen können.
Für Lars war das nichts neues, das sie sich so hinsetzte, da er ihre Vorliebe fürs Leute beobachten kannte. So wunderte er sich nicht. Wenn er allerdings den wahren Grund gewusst hätte, wäre er wahrscheinlich nicht so sorglos gewesen.
„Sag mal haben wir in Franz eigentlich Aufgaben?“
Lars sah Adriana fragend an.
“Ja, wir haben Vokabeln. Könnte sein das sie einen
Test darüber macht.“
„Mist, dann macht sie garantiert einen. Und ich habe noch nichts gelernt.“
Lars stöhnte genervt.
„Denkst du ich?“
„Was nicht?“ Lars tat gespielt überrascht.
„Nein, muss dich leider enttäuschen.“
Adriana lachte jetzt auch.
„Hey Lars.“
Adrianas Herz setzte kurz aus und begann dann doppelt so schnell weiter zu schlagen, als sie die Stimme hörte.
„Hey Dom. Was machst du den hier hinter der Bar?“, fragte er, während sie sich zur Begrüssung einen Handschlag gaben.
„Ich arbeite seit heute hier. Ich will den Führerschein machen und dazu braucht man halt Geld.“, lachte Domenico.
„Ach so. Ihr habt übrigens wieder super gespielt.“
„Danke. War auch eine super Stimmung. Okay, schon alleine das Gefühl vor Publikum zu stehen ist überwältigend.“
„Dazu kann ich leider nichts sagen. Habe da keine Erfahrungen.“ Lars grinste.
„Hast du immer noch keine Band?“
Lars schüttelte den Kopf: „Nö, aber ich brauche auch nicht unbedingt eine.“
„Aber Songs schreibst du noch?“, erkundigte sich Domenico.
„Zwischendurch ja. Kommt immer auf meine Launen an.“
„Okay, dann muss ich mal wieder auf deine Homepage und sehen gehen, ob die immer noch so gut sind wie früher.“
Er grinste frech und setzte dann eine geschäftige Miene auf.
„So aber jetzt muss ich wohl mal arbeiten, sonst bin ich den Job schon am ersten Tag los und das ist nicht mein Ziel. Also, was darf ich dir geben?“
„Ein Bier.“
„Gut. Und für dich?“
Er wandte sich jetzt an Adriana.
Adriana war so beschäftig gewesen das Chaos in ihr wieder zu beruhigen und war deshalb so überrascht, dass sie kein Wort heraus brachte. Doch Lars schaltete sich schnell ein.
„Das ist übrigens Adrian. Er ist neu in meiner Klasse und wir sind mittlerweile ziemlich gute Freunde“, stellte er Adriana vor.
„Freut mich, ich bin Domenico.“ Er hielt Adriana die Hand hin.
„Freut mich auch.“, sagte sie und schlug ein.
Mittlerweile hatte sie sich wieder etwas gefangen, aber ihr Herz klopfte immer noch schnell.
„Ich nehme übrigens auch ein Bier.“
„Gerne. Kommt gleich.“
Er lachte und drehte sich weg.
Adriana sah Lars erstaunt an: „Wieso kennst du ihn den?“
„Wir waren früher mal in derselben Klasse. Aber er hat dann aufs Gymnasium gewechselt und ich bin auf der Hauptschule geblieben.“
„Ach so.“
Domenico kam mit den zwei Bier zurück und stellte sie hin.
„Voilà, das macht dann 4 Euro für jeden.“
Er kassierte ein und sah sie dann mit einer Art wehmütigen Blick an.
„Ich würde ja gerne noch etwas mit euch reden, aber die Arbeit ruft. Vielleicht habe ich später noch Zeit.“
„Schon okay. Wir bleiben sicher noch einige Zeit.“, antwortete Lars und Adriana nickte zustimmend.
Jetzt erst bemerkte sie, dass die Mädels fast alle an der Bar standen und darauf warteten von Domenico bedient zu werden. Natürlich ging das nicht ohne aufgeregt miteinander zu tuscheln und zu kichern. Adriana seufzte genervt und als sie Lars Blick traf, sah sie, dass er genau dasselbe dachte. Trotz allem musste sie grinsen und er grinste zurück.
Während sie ihr Bier tranken, quatschten sie über Gott und die Welt.
So merkten sie gar nicht wie die Zeit verging, bis auf einmal Domenico wieder vor ihnen stand.
„So, jetzt habe ich wieder Zeit. Mensch das war jetzt stressig.“
Er nahm einen Schluck aus seinem Glas, das er in der Hand hielt und sah dann Adriana neugierig an.
„Jetzt erzähl du mal etwas über dich.“
Adrianas Puls war sofort wieder doppelt so schnell.
„Naja, über mich gibt es nicht so viel zu erzählen.“, stotterte sie.
„Von wo kommst du den? Was machst du so?“
Er lachte amüsiert, aber immer noch neugierig.
„Ich komme aus der Schweiz. Naja, dort hatte ich eine Ausbildung als Automechaniker angefangen, die musste ich aber jetzt abbrechen. Jetzt gehe ich halt wieder zur Schule und mache Abi.“
„Cool, aus der Schweiz. Ist sicher nicht so einfach jetzt hier zu sein.“
Adriana schüttelte den Kopf.
„Nein, nicht wirklich. Wenn Lars nicht wäre, wäre ich schon lange wieder abgehauen.“
„Kann ich verstehen. Wenn ich in dieser Situation wäre, wüsste ich nicht, was ich tun würde.“
Er sah sie nachdenklich und mitfühlend an, dann hellte sich seine Miene auf einmal wieder auf.
„Hey, weißt du wen ich letztens wieder mal getroffen habe?“, fragte er Lars.
„Nein, aber du wirst es mir sicher gleich sagen.“
„Michael. Der, der mit uns in der Klasse war und dann weggezogen ist.“
Er erzählte Lars, wie es diesem Michael so ging und was er sonst noch mit ihm gesprochen hatte und bald waren sie in ein Gespräch über ihre alte Schulzeit vertieft.
Adriana war das egal, so hatte sie genügend Zeit sich wieder zu sammeln und sich zu fragen, was mit ihr los sei.

13.

Am Sonntag was Adriana immer noch verwirrt.
Sie versuchte sich auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder zum vergangenen Abend, zum Konzert und zu Domenico.
Schliesslich gab sie es auf, legte das Franzbuch genervt zur Seite und ging zur Musikanlage. Dort suchte sie ‚Billy Talent’ hervor. Die Musik beruhigte sie immer und brachte sie auf andere Gedanken. Auch jetzt gelang das, bis ihr Handy klingelte und eine SMS ankündigte.
Genervt holte Adriana es hervor und las:

„Hey Adrian. Sorry habe ich mich so lange nicht gemeldet, hatte Grippe und war die letzten Tage einfach zu müde. Tut mir Leid wegen Montag, wollte nicht so reagieren. Hdl. Lg Janina“

Adriana lies sich seufzend aufs Bett fallen. Sie hatte Janina komplett vergessen gehabt, aber jetzt klopfte ihr Herz wieder ziemlich schnell. Und das Chaos in ihr war wieder ausgebrochen. Nicht einmal die Musik half.
So blieb sie liegen und hing ihren Gedanken nach.
Als es an der Tür klopfte, schreckte sie auf.
„Herein.“
„Hey. Hab gedacht ich schau mal vorbei. Wie geht’s so?“
Lars trat mit seiner üblichen, guten Laune ein.
„Mir geht’s gut, mal abgesehen davon, dass ich gegen meinen Willen hier in Deutschland bin, keinen Bock auf die Schule habe, keinen neuen Ausbildungsplatz finde, in Jungenklamotten herumlaufe und mein Herz keine Ahnung hat, in wen es jetzt eigentlich verliebt sein will!“
Sie lies sich mit einem Stöhnen wieder rückwärts aufs Bett fallen.
Lars stellte die Musik etwas leiser und setzte sich dann neben sie aufs Bett.
„Du hast dich also in Domenico verliebt?!“
Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage. Adriana nickte schwach.
„Und Janina magst du auch immer noch?!“
Auch dieser Satz war mehr eine Feststellung und wieder nickte sie.
Lars seufzte.
„Aber Janina ist immer noch sauer auf dich?“
„Nicht mehr.“
Überrascht sah Lars Adriana an.
Wortlos nahm sie ihr Handy hervor und gab Lars die SMS zu lesen. Dann lies sie sich wieder seufzend aufs Bett fallen. Als Lars gelesen hatte, tat er es ihr nach, auch seufzend.
Nach einigen Minuten Überlegens sagte er: „Es sehe da nur eine Möglichkeit: sobald du einen Ausbildungsplatz gefunden hast, kleidest du dich wieder als Mädchen, klärst das ganze auf, hoffst das Janina nicht zu sauer ist, versuchst dir Domenico zu schnappen und verlässt dann cool die Schule.“
„Cool? Du meinst wohl eher als Looser!“, antwortete ihm Adriana empört.“ Und überhaupt bei meinem Glück bei der Suche, wird das eh nicht geschehen und ich mache Abi, als Junge.“
„Jetzt sieh das ganze nicht so negativ. Okay, ich gebe auch zu, das du wahrscheinlich nicht gerade die coolste wärst, aber so wüssten alle wer du wirklich bist. Und wir finden schon irgendwo eine Garage, bei der du die Ausbildung beenden kannst.“
Er sah sie zuversichtlich an.
Doch sie verdrehe nur genervt die Augen und schüttelte den Kopf.
„Ach komm, wir haben noch lange nicht alle Firmen in der Stadt abgefragt. Nur die in der Nähe. Jetzt suchen wir die Adressen von Firmen raus, die in einem anderen Stadtteil sind. Morgen… „
Er hielt auf einmal inne und sah aus, als wäre ihm etwas eingefallen. Tatsächlich stand er dann auf und sah Adriana entschuldigend an.
„Ich muss noch was erledigen.“
„Was muss du denn noch erledigen?“, fragte sie ihn überrascht und auch etwas misstrauisch an.
„Ist nicht wichtig für dich. Ich melde mich heute Abend wieder. Tschüss.“
Er hob die Hand zum Gruss und verschwand dann aus dem Zimmer.
Adriana blieb immer noch erstaunt sitzen, dann kam sie aber zum Entschluss, dass es wahrscheinlich wirklich nichts Wichtiges für sie sein musste. Lars war so ehrlich, er hätte es ihr sonst sicher erzählt.
Sie stand auf, drehte die Musik wieder etwas lauter und beschloss, die Zeit sinnvoll zu nutzen und Lars ‚Befehl’ Adressen zu suchen, zu befolgen.

Lars hielt sein versprechen und rief am Abend an. Er schien mal wieder bester Laune zu sein.
„Hast du Lust auf eine Runde Tischfussball im ‚Rocks’?“
„Klar, bin ich doch immer dabei.“ Adriana sah auf die Uhr. „In einer halben Stunde dort?!“
„Geht klar. Bis dann.“
„Bis dann, tschüss“
Kurz nach dem Adriana aufgelegt hatte, erinnerte sie sich mit Schrecken daran, dass Domenico ja im ‚Rocks’ arbeitete. Ihr erster Impuls war, Lars zurück zu rufen und ihm abzusagen. Doch dann entschied sie sich dagegen, am Sonntag lief meistens nicht viel im ‚Rocks’, deshalb war der Wirt fast immer alleine hinter der Bar. Wieso sollte es heute anders sein?
Sie schnappte sich die wichtigsten Sachen, kontrollierte schnell ob sie noch genügend Geld hatte und ging dann nach unten.
„Ich geh noch ins ‚Rocks’.“
Sie wollte schon wieder zur Wohnzimmertür raus, als sie ihre Mutter aufhielt.
„Triffst du dich wieder mit deiner Freundin?“ Ihre Mutter betonte das ‚Freundin’ extra. Seit ihrem Gespräch war die Stimmung zwischen ihnen beiden ziemlich angespannt.
„Nein, mit Lars.“, antwortete Adriana gereizt. „Also ich bin weg. Könnte später werden.“
Sie verschwand endgültig im Flur und wollte gerade die Haustüre öffnen, als ihre Mutter erschien.
„Was soll das heissen: ‚es könnte später werden’? Du weißt genau, dass du morgen Schule hast.“
„Na und?“
Adriana sah ihre Mutter provozierend an.
„Ich werde dich morgen garantiert nicht wecken, falls du verschlafen solltest!“
„Und wenn schon. Dann komme ich halt mal zu spät, ist mir doch egal.“
Adriana machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand und ihre Mutter sah sie entrüstet an.
„Ich verstehe dich einfach nicht mehr.“
„Nicht mehr?“, lachte Adriana trocken. „Du hast mich nie verstanden. Sonst hättest du nicht darauf bestanden, das ich meine Lehre abbreche und stattdessen Abi machen muss.“
Sie sah ihre Mutter wütend an.
Diese öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn dann aber wieder.
Sie schüttelte den Kopf.
„Ach mach doch was du willst!“
Damit drehte sie sich um und verschwand wieder im Wohnzimmer.
Adriana sah ihr nach und atmete einige Male tief ein und aus um sich zu beruhigen.
Anschliessen drehte auch sie sich um und verschwand durch die Türe nach draussen.

Lars wartete schon an der Bar als Adriana eintrat.
„Sorry für die kleine Verspätung. Ich hatte noch eine kleine Auseinandersetzung mit meiner Mutter.“
„Kein Problem. Um was ging’s denn?“
Er sah sie neugierig an.
„Ist unwichtig.“
Sie holte ein Euro aus ihrem Portemonnaie und legte ihn vor Lars auf die Theke.
„Hier, ich zahle das erste Spiel. Kannst schon mal alles vorbereiten. Ich bestell mir nur noch etwas zu trinken, dann komme ich nach.“
„Ist gut.“
Während sie wartete, starrte sie das Muster des Holzes, aus der die Theke war, an und überlegte, ob sie sich ihrer Mutter gegenüber hätte anders verhalten können. Die ewigen Streitereien beschäftigten sie immer mehr, denn sie war sonst eher ein friedlicher Mensch.
Eine Stimme holte sie in die Realität zurück.
„So schnell sieht man sich wieder.“
Adrianas Herz schlug beim Klang der Stimme sofort doppelt so schnell.
Erschrocken sah sie sich um.
„Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.“
Domenico sah sie betroffen an.
„Schon in Ordnung, ich war ganz in Gedanken.“
„Und wie heisst sie?“, fragte Domenico mit einem frechen Grinsen.
Adriana sah ihn erst irritiert an. Was meinte er mit ‚sie’?
Doch schnell erinnerte sie sich, dass Domenico sie ja als Adrian sah.
„Das wüsstest du jetzt gerne?!“
Adriana versuchte möglichst cool zu antworten.
„Ja, klar! Und du wirst sie mir ja sicher auch mal vorstellen, oder?“
Er grinste immer noch frech.
„Mal sehen.“
„Oh, ich bin einfach unmöglich. Ich bin schon wieder am quatschen anstatt dich zu bedienen. Also was möchtest du?“, fragte er sie.
Adriana war froh über den Thema Wechsel.
„Gerne ein Bier.“
„Kommt sofort.“
Kurz darauf kam er mit einem Bier zurück und Adriana zahlte.
„Vielleicht habe ich später Zeit, dann komm ich auch noch eine Runde spielen.“
„Klar, wäre cool. Wir sind sicher länger hier“, antwortete sie und machte sich auf den Weg zu Lars. Dieser wartete bereits auf sie und sah sie mit einem besorgten Blick an. Doch Adriana ignorierte seinen Blick, stellte ihr Bier auf den Tisch und stellte sich auf die eine Seite.
„Du hast Anspiel.“

14.

Erst spielten die beiden schweigen, aber nach und nach beruhigte sich Adriana wieder und sie quatschten wie immer beim spielen. Bis Lars das Gespräch auf Janina brachte.
„Hast du ihr schon zurück geschrieben.“
„Nein, ich wusste noch nicht was“, antwortete Adriana ausweichend.
Er sah sie forschend an, doch dann nickte er nur.
„Okay.“
Sie wusste genau, dass er ihr Verhalten nicht in Ordnung fand, sie hatte ja selbst ein schlechtes Gewissen. Aber sie wusste echt nicht wie sie sich ihr gegenüber verhalten sollte. Und jetzt wo sie Domenico kennengelernt hatte erst recht nicht.
Sie seufzte wieder einmal.
Lars sah sie trotz allem mit einem aufmunternden Lächeln an.
„Kopf hoch, das wird schon.“
„Sieht man dann.“
Aber es tat ihr gut zu hören, dass er immer noch zu ihr hielt.
Sie spielten weiter und langsam wurden die Tische leerer.
„Habt ihr gemerkt, dass ihr noch die einzigen Gäste seid?“, fragte Domenico lachend, als er einige Zeit später an den Tischfussballtisch kam.
„Nein.“
Adriana, die dieses Mal nicht so erschrocken war, weil sie ihn hatte kommen sehen, sah sich erstaunt um. Tatsächlich war der Klub, bis auf sie und der Wirt hinter der Theke leer.
„Ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist“, stellte auch Lars erstaunt fest.
„Kein Problem. Spielen wir noch eine Runde?“
Domenico sah sie abwartend an.
„Wollt ihr den nicht schliessen?“, fragte Adriana.
„Offiziell haben wir geschlossen, aber Heinz“, er deutete zum Wirt „muss noch Abrechnungen machen und da können wir gut einen Match spielen. Oder wollt ihr nach Hause? Dann will ich euch nicht aufhalten.“
Er sah jetzt fast etwas schuldbewusst aus, weil er erst nicht daran gedacht hatte.
„Nein, also ich nicht unbedingt. Oder willst du gehen?“
Lars sah Adriana fragend an.
Diese schüttelte den Kopf.
„Nein, auch nicht unbedingt.“
„Gut. Ich habe nämlich auch noch keine Lust nach Hause zu gehen. Wer spielt gegen wen?“
„Spielt mir keine Rolle.“ Lars zuckte mit den Schultern.
Da sie zu dritt waren einigten sie sich schliesslich darauf, dass Domenico und Adriana zusammen gegen Lars alleine spielten. Trotzdem war es meistens ziemlich ausgeglichen, da Domenico nicht so gut spielen konnte und Adriana zu nervös war. Schlussendlich gewannen die zwei mit einem Tor Vorsprung knapp gegen Lars.
„So, jetzt muss ich aber langsam nach Hause. Sonst verschlafe ich morgen mal wieder.“
Lars grinste zu Adriana, die wissend zurückgrinste.
Sie zogen ihre Jacken an, verabschiedeten sich von Heinz und traten durch die Tür in die Kälte.
Da Lars Bus in die andere Richtung als der von Adriana fuhr, musste er auf die andere Strassenseite.
„Ich wünsche noch einen schönen Abend. Und bis morgen.“
Er grinste Adriana an, verabschiedete sich mit einem Handschlag von ihr und Domenico und überquerte die Strasse.
„Und wo musst du jetzt hin?“, fragte Domenico.
„Ich nehme die Buslinie 21.“
„Echt, ich auch. Wo wohnst du denn?“
Adriana nannte ihm die Haltestelle, an der sie aussteigen musste und das Quartier, in dem sie wohnte. Es stellte sich heraus, dass er nur eine Haltestelle vorher aussteigen musste und ganz in ihrer Nähe wohnte.
„Komisch, dass wir uns vorher noch nie begegnet sind. Ich nehme oft diesen Bus in die Stadt“, wunderte er sich.
„Keine Ahnung. Vielleicht haben wir uns beide einfach nicht geachtet.“
Der Bus kam und die beiden stiegen ein. Da es ziemlich spät war, war er fast leer und sie setzten sich in einem Viererabteil gegenüber.
„Ihr spielt übrigens echt gut. Gebt ihr viele Konzerte?“, wechselte Adriana das Thema.
„Danke. Das Konzert gestern war das einzige in letzter Zeit. Aber im Sommer haben wir auf einigen Schulfesten und kleineren Veranstaltungen gespielt. Es war ein cooles Gefühl, mal wieder auf einer Bühne zustehen.“
„Und euch von Mädchen anhimmeln zu lassen?!“
Adriana konnte sich die Stichelei nicht verkneifen.
Aber er verzog das Gesicht.
„Ehrlich gesagt könnte ich auf die gut verzichten. Fans sind gut und recht, aber solche mag ich nicht so. Naja, aber da kann man wohl nicht so viel machen. Und du machst auch Musik?“, fragte er neugierig.
„Ich spiele Keyboard und Klavier, aber nicht wirklich gut. Bin nicht so begabt wie Lars oder du, die super Gitarre spielen können und Songs schreiben. Und singen kann ich auch nicht so gut.“
Domenico winkte ab.
„Also meine Songs sind nicht wirklich der Hammer. Ah ja, und singen kann ich auch nicht, deshalb überlasse ich es Sven.“
Adriana sah ihn fast empört an.
„Natürlich kannst du singen, du hast eine super Stimme! Den Song, den du gestern als erstes gesungen hast, war genial.“
„Du meinst ‚Alles ändert sich’?“
„Genau. Der hat genau mein Gefühl, dass ich in letzter Zeit öfters habe, beschrieben.“
„Hmm… Mir geht es auch viel so.“
Gedankenverloren starrte er auf den Boden. Auch Adriana war in ihren eigenen Gedanken.
Bis kurz vor Domenicos Haltstelle sagte keiner mehr etwas und trotzdem war es nicht ein unangenehmes Schweigen.
„Ich wünsche dir noch einen schönen Abend. Man sieht sich.“
Domenico stand auf.
„Danke, das wünsche ich dir auch. Tschüss.“
Sie gaben sich einen Handschlag und er verschwand durch die geöffnete Tür.
Später im Bett stellte sich Adriana zum hundertsten Mal die Frage, wie es weiter gehen sollte und noch immer fand sie keine Antwort. Sie fühlte sich bei Domenico ziemlich wohl und ihr Herz spielte total verrückt, aber er kannte sie als Adrian. Und dann war ja noch Janina, bei der Adrianas Herz auch nicht gerade normal klopfte und bei der sie sich freute, sie am nächsten Tag wieder zu sehen. Mit ihrem Gefühlschaos schlief sie ein.

15.

„Mist, ich habe die Liste mit den Adressen der Firmen, die ich gestern extra noch herausgesucht habe, vergessen!“
Adriana schlug sich genervt mit der flachen Hand an die Stirn.
Aber Lars schien es nicht so schlimm zu finden.
„Ist doch egal, dann machen wir es halt morgen Mittag. Ich habe eh gedacht man könnte nach dem Essen schnell in den Kleiderladen, der vor kurzem einige Strassen weiter eröffnet hat. Da Bio ausfällt, hätten wir genügend Zeit.“
Adriana sah ihn erstaunt an.
„Warst du gestern nicht der, der mich ermuntert hat, noch weiter zu suchen und wollte, dass ich weitere Adressen suche?“
„Klar, aber auf einen Tag mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an. Oder?“
Obwohl sie sich immer noch etwas wunderte, gab sie ihm Recht und gross Lust die Listen durchzugehen hatte sie auch nicht.
So machten sie sich kurz darauf auf den Weg. Lars plauderte munter wie immer und erklärte, dass er unbedingt eine neue Jeans brauche, aber Adriana hörte ihm nicht zu.
Einige Meter vor ihnen lief Janina mit einer Freundin und bei ihr meldete sich das schlechte Gewissen. Einerseits weil sie Janina noch nicht auf die SMS geantwortet hatte und andererseits weil sie immer noch nicht wusste, was sie genau wollte.
„Hey, ich habe dich etwas gefragt!“.
Adriana schreckte auf.
„Was?“
Lars verdrehte die Augen.
„Vergiss es, war nicht so wichtig.“
„Sorry!“. Schuldbewusst sah sie ihn an. „ich habe etwas anderes überlegt.“
„Das kommt im Moment ziemlich viel vor“, brummte er, wechselte dann aber schnell das Thema: „Vielleicht findest du auch noch ein cooles Shirt oder so. Die Mädels würde es freuen.“
Jetzt war es an Adriana die Augen zu verdrehen: „Ich habe zurzeit genug Probleme, da brauche ich nicht noch mehr Verehrerinnen.“
Lars klopfte ihr aufmunternd auf die Schultern: „Es wird schon alles gut kommen, aber jetzt gehen wir erst mal shoppen!“

Während des Einkaufens und der Schule hatte sich Adriana keine Gedanken mehr über Lars Reaktion am Mittag gemacht, aber bei der Verabschiedung lies sie eine Frage wieder misstrauisch werden.
„Könntest du mir heute Abend deine Bewerbungsunterlagen mailen?“
„Wieso?“
„Naja“, druckste er herum, „ich müsste mal etwas nachsehen?“
„Und was?“
Adriana wurde immer misstrauischer.
„Ich bin selbst am Bewerbung schreiben und da weiss ich zum Teil nicht mehr so genau, wie gestalten.“
Man merkte sofort, dass es eine Lüge war, aber Adriana merkte, dass sie nicht mehr aus ihm heraus bekam und versprach ihm, das ganze zu schicken.

Am nächsten Tag sassen Adriana und Lars zusammen in der Cafeteria, jeder eine Liste vor sich. So richtig konzentriert bei der Sache war aber keiner der Beiden.
Die Stimmung zwischen ihnen war angespannt.
Adriana fragte sich immer noch, wieso Lars am Sonntag so schnell verschwunden war und für was er ihre Bewerbung wirklich brauchte.
Lars war verärgert, weil sie immer noch nicht reinen Tisch mit Janina gemacht hatte, obwohl sie in der grossen Pause Gelegenheit dafür gehabt hätte.
„Ach, ich habe keine Lust mehr!“
Adriana warf ihren Stift auf den Tisch und Stand auf: „Ich bin mal draussen.“
„Ach, und ich soll drinnen DEINE Arbeit machen und für DICH einen Lehrbetrieb finden?“
Adriana zuckte zusammen, so aggressiv hatte sie Lars noch nie sprechen hören.
„Aber…“, versuchte sie sich zu verteidigen.
„Weißt du was?“, unterbrach er sie. „Ich habe auch keine Lust mehr!“
Damit warf er seinen Stift auch auf den Tisch, stand schnell auf, schnappte seinen Rucksack und lief Richtung Ausgang.
Adriana sah ihm geschockt nach, so wütend hatte sie ihn noch nie erlebt. Nach einigen Sekunden hatte sie sich wieder etwas gefasst und lief ihm nach.
„Lars, warte!“
Aber er war schon zur Tür raus.
Auf dem Schulhof holte sie ihn ein und hielt ihn an der Schulter zurück:
„Warte.“
„Lass mich!“
Er schüttelte ihre Hand ab und sah sie wütend an.
Adriana wich zwar zurück, lies sich aber nicht beirren:
„Was ist los? Wieso bist du wütend?“
„Was los ist? Das kann ich dir genau sagen: Ich habe keine Lust mehr, dich immer wieder aufzumuntern! Du hast mal gesagt, dass du eigentlich eine optimistische Person seiest! Aber wo ist die jetzt? Ich habe die noch nie gesehen! Immer bist du so pessimistisch! Wir haben noch lange nicht alle Firmen abgeklappert hier in Hannover! Und dann noch die Sache mit Janina! Hast du dir mal überlegt, dass es total fies ihr gegenüber ist, wenn du so unehrlich bist? Vor allem, weil ich viel dafür geben würde, wenn sie MICH so mögen würde wie sie dich mag! Und deine Verkleidung als Junge! Am Anfang fand ich es noch ziemlich witzig, aber mittlerweile ist es manchmal echt nervig, weil ich immer aufpassen muss, dich nicht zu verraten! Oder wenn ich dich gerne mal trösten würde, dich aber nicht umarmen kann, weil dann jeder denken würde, ich sei schwul! Verdammt, komm zurück in die Wirklichkeit und akzeptier, dass du jetzt hier wohnst und dass du hier auch glücklich werden kannst!“
Er hatte die letzten Worte fast geschrien und sah immer noch ziemlich aufgebracht aus.
Adriana war zu geschockt, um zu antworten und seine Worte halten in ihrem Kopf wieder.
Er liess ihr aber auch keine Zeit, noch etwas zu sagen, sondern drehte sich einfach um und stürmte davon.
Als sie ihm nachsah, bemerkte sie Janina, die sie anstarrte. Adriana wusste genau, dass sie alles mit angehört hatte und jetzt die ganze Wahrheit wusste. Ihr Herz wurde noch schwerer.
Janina schüttelte ungläubig den Kopf und dann stürmte sie, ebenso wie Lars, davon.
Adriana war unfähig etwas zu tun und starrte an die Stelle, wo die beiden verschwunden waren.
Schliesslich löste sie sich aus ihrer Starre und bemerkte die flüsternde Menge um sie herum. Sie spürte die neugierigen, aber zum Teil auch abweisenden Blicke.
Mit zittrigen Beinen und ziemlich verwirrt drückte sie sich durch die Schüler zur Cafeteria zurück, um ihre Sachen zu holen.




Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung