Startseite
  Über...
  Archiv
  Umzug in ein neues Leben (1. Teil)
  Umzug in ein neues Leben (2. Teil)
  Erfolg gleich Glück?
  Sometimes goodbye's a second chance
  Songtexte
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren

   Mein Blog mit Kurzgeschichten

http://myblog.de/angi90

Gratis bloggen bei
myblog.de





1.

Ich sass wieder mal im Tourbus und hasste die ganze Welt! Nein nicht die ganze Welt, aber ich hasste die, wegen denen ich jetzt unterwegs zu dieser doofen Preisverleihung war, und gegen die ich mich nicht wehren konnte. Meine beste Freundin gab heute eine Party und ich hatte ihr fest versprochen dabei zu sein. Leider hatte eine Band, die hätte spielen sollen, abgesagt und so wurde ich angefragt zu spielen, bzw. mein Manager wurde gefragt und der hatte sofort zugestimmt, obwohl er von der Party wusste. Aber so ging es immer, ich hatte nichts zu sagen.
Jack, mein Manager, entdeckte mich in einer Disco, als ich zum Spass mit meinen Freunden bei einer Karaoke-Show mitmachte. Er stellte mich Simon, Charlie und Sven vor, die schon lange eine Sängerin für ihre Band suchten. Ich verstand mich gut mit ihnen und schon bald ging es ins Studio. Die Songs schrieb hauptsächlich  Simon, aber auch von mir kamen 2,3. Trotzdem war ich die Frontfrau.
Vor 6 Monaten war dann unsere erste Single erschienen. Kurz danach das Debütalbum und beides hatte eingeschlagen wie eine Bombe. Wir wurden zu Stars.
Doch ich war nicht lange glücklich. Ich hatte zwar schon am Anfang nicht viel zu sagen, doch mit der Zeit wurde es immer weniger. Das Management bestimmte über mich: was ich in Interviews zu sagen hatte, was für Kleider ich tragen soll, wie ich mich auf der Bühne zu bewegen hatte, mit Fans umgehen sollte.
Erst hatte ich mich gegen diese Regeln gewehrt, doch da haben sie mir gedroht die Karriere zu beenden. Mittlerweile war ich so weit, dass in Kauf zu nehmen, wäre da nicht Simon. Er war Gitarrist in meiner Band und neben mir die Hauptperson. Doch im Gegensatz zu mir konnte er mitbestimmen. Nach jeder Standpauke, die mir der Manager hielt, durfte ich mir noch eine von ihm über mich ergehen lassen. Von wegen, dass er keine Lust hätte sich seine Karriere durch mich versauen zu lassen und so.
Bevor ich wieder in Erinnerungen an die Anfangszeit versinken konnte, weckte mich Simon unsanft: „Hey du Tragträumerin. Wir sind da.“
Widerwillig schnappte ich mir meinen Rucksack und stieg hinter ihm und den anderen zwei Bandmitgliedern aus dem Bus.
In der Garderobe gab Jack, der Manager, den Ablauf des Abends bekannt: „In einer halben Stunde haben wir Soundcheck, dann ist Pause und ihr könnt etwas essen gehen in die Kantine. Um Sieben ist ein Meet&Greet. Um acht fängt die Show an, bei der unter anderem die Verleihung des Preises für den besten Newcomer ist, kurz danach seid ihr dran mit spielen. Anschliessen geht’s zur Aftershow –Party. Aber jetzt ist, wie gesagt, in einer halben Stunde Soundcheck.“
Wir richteten uns kurz in der Garderobe ein, danach ging’s in die Halle. Der Soundcheck  war schnell erledigt und so waren wir wieder in der Garderobe.
Die anderen machten sich bereit um etwas essen zu gehen. Ich war zwar hungrig, aber hatte keine Lust mit ihnen zu gehen. Früher hatten wir es immer ziemlich lustig zusammen. Aber eben früher. Da habe ich auch noch mit anderen Stars geredet, zum Beispiel mit den Jungs von Revolverheld oder mit Steffi von Silbermond. Sogar Avril Lavigne, eine meiner Lieblingssängerinnen, hatte ich mal getroffen. Wir hatten uns zwar nicht so verständigen können, da sie nicht so gut Deutsch konnte und ich schlecht Englisch, aber für ein Autogramm von ihr hatte es gereicht.
Jetzt redete ich selten mit anderen Stars. Ich ging ihnen, so gut es ging, aus dem Weg und auf ihre Fragen antwortete ich nur einsilbig, da ich Angst hatte, etwas Falsches zu sagen und eine weite Standpauke von Jack zu bekommen. So galt ich mittlerweile als arrogant und abgehoben. Einerseits war es mir egal, andererseits machte es mich traurig, ich hätte gerne wieder mit ihnen geredet und gelacht.
Dieses Mal war es Charlie, der Drummer, der mich in die Realität zurück holte: „Kommst du jetzt auch mit oder bleibst du hier?“
„Ich bleibe hier. Ich hab noch eine Apfel, mehr Hunger hab ich nicht.“
Er gab sich mit dieser Antwort zufrieden und ging.
Jack, der ihm folgte, sagte zu mir: „Aber vergiss nicht, wenn du trotzdem in die Kantine kommst, etwas gesundes zu nehmen. Du willst ja ein gutes Vorbild sein.“
Damit war auch er weg.
Ich seufzte. Das war auch so eine Regel. Sobald die Presse oder so in der Nähe war, und Fotos machte, durfte ich nichts ungesundes Essen. Auch Alkohol, Zigaretten oder sonstige Drogen waren verboten.
Was niemand wusste war, dass ich schon seit einiger Zeit, abends im Hotelzimmer die Minibar leer trank. Ich tat es aus Einsamkeit, Verzweiflung, Hilflosigkeit und auch aus Wut, weil ich nichts an der Situation ändern konnte.
Ich wartete noch 2,3 Minuten, dann holte ich meinen Rucksack hervor. Daraus zog ich eine ziemlich weite Jeans, wie Hiphoper immer trugen, einen zu grossen Kapuzenpulli, ein Cap und eine Sonnenbrille hervor. Dass war meine Tarnung.
Als ich diese angezogen hatte, holte ich eine Schachtel Zigaretten hervor. Ja, rauchen tat ich auch, wenn auch nur selten. Es beruhigte mich und ich konnte mich meisten etwas ablenken. Auch jetzt half es, denn obwohl ich mich mit dieser Tarnung schon ein paar Mal unerkannt in die Kantine geschlichen hatte, war ich immer nervös, dass mich jemand erkannte.
Nach dieser Beruhigungs-Zigarette machte ich mich auf den Weg. Niemand beachtete mich. Perfekt.
In der Kantine stellte ich mich hinten an und sah mich um. Überall waren fröhliche und unbekümmerte Gesichter. Wieder seufzte ich. Wie gerne wäre ich unter ihnen gewesen, hätte mit ihnen gelacht und das Leben genossen. Seit den vielen Regeln, Einschränkungen und Drohungen, hatte ich mich ziemlich zurückgezogen und verschlossen, am liebsten war es mir, wenn man mich nicht beachtete. Ich war zwar schon früher eine gewesen, die nicht so gerne im Mittelpunkt gestanden hatte, aber ich war fröhlich gewesen und hatte meistens gute Laune gehabt. Aber diese Zeit war vorbei, ich wusste nicht mehr wann ich dass letzte Mal so richtig herzhaft gelacht hatte. Es musste einige Zeit zurückliegen.
Wieder war ich so in Gedanken versunken gewesen, dass ich nicht gemerkt hatte, dass ich an der Reihe war. Erst als mich die Frau hinter der Theke fragte, was ich den wolle, blicke ich auf.
Ich bestelle eine Portion Spagetti mit Sauce und eine Cola dazu. Ich trug ja meine Tarnung, so konnte ich das essen, bzw. trinken.
Als ich mich nach einem freien Platz weit weg von meinen Bandkollegen und den Managern suchte, rempelte mich von hinten jemand an. Ich konnte gerade noch verhindern, dass mein Tablett mit dem Essen auf den Boden kippte und sah mich dann wütend um. Direkt in ein paar blaue Augen.
„Sorry! Hast du dir was getan? Ich kann, nichts dafür, Stefan hat mich geschubst. Er hat gerade gute Laune, da er wieder viele schöne Frauen sieht.“
Ein Junge in meinem Alter sah mich entschuldigend an.
Vor Schreck konnte ich erst gar nicht antworten, doch dann riss ich mich zusammen: „Schon okay, mir ist nichts passiert und mein Essen konnte ich auch noch retten!“
Er sah ziemlich erleichtert aus.
„Dann ist ja in Ordnung. Trotzdem noch mal Sorry!“
Jetzt tauchte ein weiterer Junger neben ihm auf.
„Ja, sei nicht sauer auf Luca, er ist halt ein kleines Trampeltier!“
Damit grinste Stefan ihn frech an und Luca rächte sich, er ihm auf die Schulter schlug. Ich musste auch lächeln, was mir aber schnell wieder verging. Keine 3 Meter von mir stand Simon und flirtete mit einem Girl. Sofort drehte ich mich weg. Ich wollte kein Risiko eingehen.
Da entdecke ich einen leeren Platz an einem Tisch, auf den ich jetzt zusteuerte.
„Hey wo willst du den hin?“, fragte Stefan verwirrt.
„Mich setzten und etwas essen“, knurrte ich unfreundlich.
Die zwei folgten mir. Zu spät erkannte ich, dass an dem Tisch andere Jungen sassen, die gleichen T-Shirts wie die anderen zwei trugen. Doch jetzt konnte ich nicht mehr zurück.
Genervt setzte ich mich auf den leeren Platz ohne den anderen eines Blickes zu würdigen. Etwas irritiert sahen sie mich an, sagten jedoch nichts. Doch Luca lies nicht so schnell locker. „Was ist denn jetzt los? Wieso bist du auf einmal so abweisend und genervt? Bis du doch sauer, willst es aber nicht sagen?“
Neugierig sah er mich. Konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen. Ich hatte Angst, dass Simon auf uns aufmerksam werden könnte.
„Nein, es ist alles in Ordnung. Mir geht es nur nicht so gut.“, fauchte ich ihn an.
Luca tauschte mit Stefan einen Blick, den ich aber nicht deuten konnte. Dann sah er mich noch einmal an.
„Sag mal, bist du nicht Elin? Die Sängerin der Band ‚Limit’?“
Ich erstarte mitten in meiner Bewegung und sah mich instinktiv um, ob auch niemand zuhörte.
„Ja, die bin ich. Und jetzt lasst mich einfach in Ruhe.“ Wütend nahm ich eine Gabel Spagetti.
Doch jetzt dachten die zwei erst recht nicht daran, mich in Ruhe zu lassen.
„Wieso trägst du denn dieses Cap und die Sonnenbrille?“
„Genau, hier brauchst du dich ja nicht vor irgendwelchen aufdringlichen Fans zu verstecken. Es sind ja nur Stars und so da.“
„Und wieso sitzt du nicht bei den anderen?“
Wieder sahen sie mich mit diesen neugierigen Blicken an.
„Das geht euch gar nichts an, kapiert? Ich will jetzt einfach meine Ruhe.“
Damit zog ich meinen Cap tiefer ins Gesicht. Jetzt checkten auch die Jungs, dass ich nicht reden wollte.
Sie warfen sich noch einen Blick zu. Dann wandten sie sich den anderen zu und mischten sich in ihr Gespräch über eine Sendung ein, die vor kurzem im Fernseher kam.
Doch ich bemerkte die Blicke, mit denen sie mich beobachteten.
Als ich fertig war stand ich auf, brachte meinen Teller zurück und verlies den Raum.
Kurz darauf hörte ich schnelle Schritte hinter mir. Ich wusste auch ohne mich umzudrehen, dass es entweder Lars oder Stefan war. Und ich behielt recht, Luca taucht neben mir auf.
„Hey warte mal. Bist du jetzt sauer? Dass wollten wir nicht. Naja wir haben uns halt nur ein bisschen gewundert, weil du so angezogen bist und alleine bist.“
Ich seufzte und sah ihn durch meine Sonnenbrille traurig an. „Nein, ich bin nicht sauer. Mir geht es einfach nicht so gut. Dass ist alles. Tut mir leid.“
Ich musste mich zusammenreissen ihm nicht den wahren Grund zu nennen. Er strahlte so etwas Vertrauenswürdiges aus.
„Du musst dich nicht entschuldigen, wir hätten dich ja auch einfach in Ruhe lassen können.“
Ich wusste nicht mehr was sagen und so liefen wir schweigend neben einander her. Bei meiner Garderobe angekommen, blieb ich unsicher stehen. Gerne hätte ich ihn hereingebeten, aber das Risiko, das die anderen wieder kamen und ihn erwischten war zu gross. Jungs waren natürlich auch Tabu.
Unsicher sah ich ihn an.
„Naja, ich denke mal, man sieht sich irgendwann mal wieder.“
„Kommst du heute nicht auf die Aftershowparty?“, fragte er mich.
„Mal sehen“, antwortete ich ausweichend und verschwand mit einem „Tschüss“ in der Garderobe.

2.

Ich hatte mich gerade umgezogen, als ich vom Flur her Simons Lachen hörte. Schnell stopfte ich die Kleider zurück in den Rucksack, schnappte mir eine Zeitschrift vom Tisch und setze mich in den Sessel. Keine Sekunde zu spät, die Türe öffnete sich und Simon, zusammen mit Jack, Charlie und Sven, trat ein. Ich tat so, als wäre ich ganz in den Artikeln vertieft gewesen und sah gespielt überrascht auf.
„Ihr seid schon zurück? Die Zeit ging ja schnell vorbei.“
Ich klappte die Zeitschrift zusammen und legte sie auf das Tischchen vor mir.
„Wieder mal typisch du. Ich kann nicht verstehen wie man alles um sich vergessen kann beim lesen.“, antwortete mir Charlie kopfschüttelnd. „ Aber du hast echt was verpasst, das Catering war gar nicht mal so schlecht heute.“
„Mir hat mein Apfel gereicht.“
„Und gesund war er obendrein. Oder?“, mischte sich Jack ein.
Ich nickte nur und stellte mir kurz vor, wie er reagieren würde, wenn er erfahren würde, dass ich auch im Cateringraum gewesen war. Doch dann schob ich den Gedanken schnell wieder beiseite und hoffte, dass er es nie herausfinden würde.
„Na, wenn ihr meint. Mir war mein Essen lieber“, brummte Charlie und wandte sich ab. Auch die andern war jetzt mit etwas beschäftig und ich fühlte mich mal wieder überflüssig.
„Ich gehe mal auf die Toilette“, sagte ich und verschwand durch die Tür.
Draussen sah ich mich suchend um und entdeckte Stefan, der durch den Flur kam. Er erkannte mich sofort.
„Hey, Elin. Hast du eingesehen, dass dir hier eine Sonnenbrille nicht viel nützt?“, grinste er frech.
Ich sah mich sofort um und vergewisserte mich, dass ich die Garderobentüre richtig geschlossen hatte und Jack drinnen nichts gehört hat.  Ich entspannte mich wieder etwas, beschloss aber die Frage zu ignorieren.
„Hi, weißt zufällig wo hier die Toiletten sind?“, fragte ich stattdessen.
„Klar, den Flur entlang und dann mal links.“
Ich sah in die angegebene Richtung, entdeckte aber nirgends ein Schild.
„Ich zeige es dir. Ich muss eh in die Richtung.“
Ich lächelte ihn dankbar an, Orientierung war nicht so meine Stärkung.
Während wir nebeneinander her gingen, bemerkte ich die Schachteln und Kabel die er trug.
„Arbeitest du hier?“
„Ja, ich gehöre zur Bühnencrew, genau wie Luca auch.“
„Cool, das klingt interessant.“
„Ist es auch, obwohl wir beiden mehr Mädchen für alles sind, da wir noch nicht so viel Erfahrung haben“, lachte er.
„Aber wenigstens etwas.“
Ich sah immer gerne zu, wenn die Bühnenrowdys alles aufstellten auf der Tour.
„So, da wären wir.“
„Danke.“
„Gehst du heute auch zur Aftershowparty? Wir müssen zwar alles verräumen, aber das geht meistens schneller als aufstellen.“
„Weiss noch nicht, solche Partys nicht so mein Fall.“, antwortete ich, wie schon Luca, ausweichend. Das stimmte auch, allerdings durfte ich meistens gar nicht mehr gehen. Ich hatte mal auf einer anderen Party etwas zuviel Alkohol getrunken, seither fürchtete Jack um mein gutes Image und lies sich immer eine gute Ausrede einfallen, wieso ich nicht dabei sei. Dass ich dafür immer im Hotelzimmer für mich alleine trank, während sie feierten, wusste er natürlich nicht.
„Mein Fall sind sie auch nicht unbedingt. Aber besser als nichts. Also kommst du?“
„Mal sehen. Ich muss jetzt erst mal. Tschüss.
Damit drehte ich mich Richtung Toilette.
„Oh, sorry. Na dann, vielleicht bis dann. Würde mich freuen. Und Luca auch.“
Er nickte mir zum Abschied zu und verschwand den Flur entlang.
„Ich finde, die haben den Preis nicht verdient.“
„Ach ja, und wieso?“
„Einfach.“
„Das ist kein Argument.“
Sven sah Simon abwartend an.
„Also meine Favoriten waren sie auch nicht“, mischte sich Charlie wieder ein.
Ich stöhnte genervt auf. Diese Diskussion führten die drei schon seit wir die Halle verlassen hatten. Sie hatten schon fast jede Kategorie durchgekaut, nur die ‚Newcomer national’ hatten sie bis jetzt ausgelassen, dort wo wir nominiert waren. Allerdings war der Preis an eine andere Band gegangen. Mir was das egal, so hatte ich wenigstens keine Rede halten müssen. Aber ich wusste dass die anderen drei enttäuscht waren, auch wenn sie es nicht aussprachen. Deshalb liessen sie diese Kategorie vorläufig aus, dafür diskutieren sie die anderen umso mehr.
Ich atmete erleichtert auf, als wir zur Garderobe kamen.
„Alle mal herhören. Wir räumen jetzt hier alles zusammen, verstauen alles im Van und dann gehen wir zu Aftershowparty. Die, die keine Lust haben können bereits ins Hotel, zusammen mit Elin.“, gab Jack, den weiteren Verlauf des Abends bekannt.
Obwohl es immer so war fragte ich: „Wieso darf ich nicht mit?“
Alle sahen mich etwas erstaunt an, sie waren es mittlerweile gewohnt, dass ich meistens schwieg.
„Das weißt du genau. Ich will ja nur dein gutes Image schützen.“
„Nur weil ich einmal etwas zu tief ins Glas geschaut habe?“, gab ich nicht gleich auf.
Simon sah mich jetzt prüfend an.
„Es hat aber nichts mit dem Jungen, mit dem du heute auf dem Flur gesprochen hast, zu tun, dass du unbedingt auf die Party willst?“
Damit hatte ich nicht gerechnet, war ja aber klar dass er mir nachspioniert hat.
„Nein, hat er nicht. Den habe ich nur nach dem Weg gefragt.“
„Gut, dann kannst du ja auch gut schon ins Hotel, so dass du morgen ausgeschlafen bist.“
„Aber…“, wollte ich protestieren, aber Jack hatte sich schon wieder seinem Handy zugewandt und beendete so die Diskussion endgültig.
Enttäuscht packe ich meine wenigen Sachen zusammen. Ich wusste selbst nicht, wieso es mir so wichtig war, aber irgendwie hätte ich mich gefreut, Luca und Stefan nochmals zu sehen. Und vor allem ging mir Stefans letzter Satz und seine Art wie er es gesagt hatte nicht aus dem Kopf: „Und Luca auch.“
Schweigend lief ich neben dem Fahrer her zum Auto, lies mich zum Hotel chauffieren und redete auch mit der Dame an der Rezeption nur das Nötigste.
Wütend schloss ich die Zimmertür auf und warf den Rucksack achtlos zu Boden. Als erstes ging ich zur Minibar, holte eine Flasche Whiskey  hervor und schenkte mir ein Glas ein. Nach einigen Schlücken ging es mir besser und ich sah mich im Zimmer um. Das sah aus wie immer, an einer Wand stand das Bett, es hatte einen Fernseher und einen Tisch mit ein paar Stühlen.
Mit dem Glas begab ich mich auf den Balkon. Die Aussicht über die Stadt war unglaublich schön, aber ich hatte keine Augen dafür, sondern starrte in den Himmel.
In meiner Hosentasche piepste und vibrierte mein Handy. Erst wollte ich die SMS nicht lesen, er war wahrscheinlich eh nur Jack der mir noch simste, wann wir morgen gehen wollten.
Dann holte ich das Handy trotzdem hervor, morgen zu verschlafen wäre nicht die beste Idee.
Aber ich hatte mich getäuscht, die SMS war von meiner besten Freundin.

„Hey! Und habt ihr wieder jede menge Preise abgeräumt? ;-) Ist echt schade, dass du nicht hier bist, es geht total ab. Hoffe wir sehen uns bald wieder. Hdl Coni“
 
Ich starrte wieder in den Himmel. Dann hatte ich einen Entschluss gefasst.
Ich trank das Glas in einem Zug leer und ging wieder in Zimmer.

3.

10 Minuten später trat ich aus dem Lift und durchquerte die Eingangshalle. Die Dame an der Rezeption musterte mich misstrauisch. Ich nickte ihr freundlich zu und musste trotz allem etwas grinsen. Es war offensichtlich dass sie mich nicht erkannte, ich trug nämlich wieder meine Tarnung.
Auf der Strasse kontrollierte ich, ob ich meinen Backstagepass auch wirklich dabei hatte, zündete mir eine Zigarette an und machte mich rauchend auf den Weg zur Halle.
Es war ziemlich kalt und da ich nur meinen Kapuzenpulli trug, war ich froh, dass es nicht weit zu laufen war. Je näher ich kam, desto mehr Leute und Autos waren unterwegs.
Während die Promis in der Halle feiern durften, waren die Normalsterblichen unterwegs nach Hause.
Endlich war ich da und reihte mich beim Backstage-Eingang in die Schlange ein. Am Eingang gab ich dem Türsteher den Pass, der ihn nahm, kontrollierte, zurückgab und mir mit einem Nicken zu verstehen gab, das er in Ordnung sei.
Drinnen war ziemlich viel los. Überall standen Promis umringt von Reportern und Fotografen. Sofort hielt ich Ausschau nach Jack, den Bandmitglieder oder sonst jemanden von unseren Leuten, aber ich entdeckte niemand. Ich drückte mich durch die Menschenmenge, auch Luca und Stefan sah ich nirgends.
An der Bar holte ich mir einen Drink und führte dann meine Tour weiter. Schliesslich beschloss ich, mich irgendwo hinzusetzten. Ich fand an der Bar einen Platz, von dem aus ich so ziemlich die ganze Halle im Überblick hatte.
Ich beobachtete die Leute und überlegte mir dabei, was sich Jack heute für eine Ausrede hatte einfallen lassen, wieso ich nicht dabei war. Am Wahrscheinlichsten war, dass er sagte, ich sei müde oder fühle mich nicht so gut. Es hatte aber auch schon gegeben, dass er sagte, ich wäre direkt nach Hause, da ich einige Tage frei hätte, was natürlich nie stimmte. Ich wusste nicht genau, wann ich das letzte Mal mehr als einen Tag frei gehabt hatte und etwas Zeit zuhause mit meiner Familie und meinen Freunden verbringen konnte.
Ich bestellte einen weiteren Drink. Langsam entspannte ich mich etwas, auch wenn von Jack und den anderen keine Spur war. Ich hoffte einfach, dass sie es sich nicht anders überlegt hatten und auch zum Hotel gefahren waren. Wenn irgendjemand merken würde, dass ich nicht in meinem Zimmer war, würde das ziemlich Ärger geben. Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich Simon die Party und die vielen Mädchen entgehen lies.
Als der Drink leer war, rutschte ich vom Hocker und machte mich erneut auf die Suche nach Luca und Stefan. Mittlerweile sollten sie auch da sein, das Bühne abräumen ging ja nicht ewig und seit dem Show-Ende waren gut 2 Stunden vergangen.
Tatsächlich entdeckte ich paar Meter weiter einer, der beim Essen auch an ihrem Tisch gesessen hatte. Ohne zu Zögern sprach ich ihn an.
„Hey, weißt du zufällig, ob Luca und Stefan auch da sind?“
Er sah mich überrascht an.
„Ehm, keine Ahnung. Ich habe die Garderobe vor ihnen verlassen. Aber das ist schon einige Zeit her, deshalb nehme ich an, sie sind jetzt auch hier. Sie wollten auf jeden Fall auch kommen.“
„Okay, danke. Dann such ich mal weiter.“
„Soll ich ihnen etwas ausrichten, falls ich sie sehen?“
„Nein, ist nicht nötig. Tschüss.“
Damit drehte ich mich um und drängte mich weiter durch die Leute.
Auf einmal schubste mich jemand von hinten und zwängte sich zwischen mir und den andern Leute durch. Ich konnte mich mit mühe auf den Beinen halten und fluchte leise. Das manche Menschen so rücksichtslos sein konnten. Da ich der Person nachstarrte, achtete ich nicht so auf die Leute in meiner Nähe. Dies änderte sich schlagartig, als ich eine Stimme neben mir vernahm.
„Hey schöne Frau, darf ich dich auf einen Drink einladen?“
Ich drehte mich vorsichtig um. Neben mir stand Simon, der mit dieser, meiner Meinung nach ziemlich billigen, Anmache ein Mädchen angesprochen hatte.
„Gerne.“, antwortete das Mädchen erfreut.
Während ich am Geisteszustand von ihr zweifelte, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man da zusagen konnte, legte Simon den Arm um sie und führte sie in meine Richtung.
Ich erstarrte, weil ich jetzt bemerkte, dass sie auf dem Weg zur Bar an mir vorbei mussten. Instinktiv sah ich mich nach einem Fluchtweg um. Aber es war zu spät, jetzt noch zu flüchten, wäre zu Auffällig gewesen. So drehte ich mich zur nächsten Gruppe um und tat, als würde ich dazu gehören und interessiert zuhören.
In Wirklichkeit versuchte ich Simon so gut es ging im Auge zu behalten. Er kam, Arm in Arm mit dem Mädchen, direkt auf mich zu. Während sie hinter meinem Rücken durchliefen, hörte ich wie er ihr erzählte, dass sie ihm sofort aufgefallen sei und sie eines der schönsten Mädchen auf der Party sei.
Ich hätte mich am liebsten umgedreht und sie gefragt, ob sie ihm das wirklich glaubte und was sie dachte, wie vielen Mädchen er diesen Scheiss schon erzählt hatte.
Aber die Tatsache, dass ich heimlich da war und nicht wollte, dass Simon mich erkannte, hielt mich davon ab.
Endlich ging seine Stimme im allgemeinen Lärm unter und ich wagte es, mich um zudrehen. Er verschwand gerade zwischen einigen Leuten und ich machte, dass ich weg kam und verschwand in entgegen gesetzter Richtung.
Jetzt wusste ich jedenfalls, dass die Band hier war. Allerdings hiess das auch, dass ich immer noch aufpassen musste, um nicht jemandem von ihnen in die Arme zu laufen.
Ich kämpfte mich weiter und hielt Ausschau, nach Luca und Stefan. Gerade als ich mich fragte, ob das eigentlich noch einen Sinn machte und ob ich nicht besser wieder zum Hotel gehen sollte, erspähte ich in der Menge Stefan.
Freudig lief ich auf ihn zu und entdeckte bald auch Luca neben ihm.
Aber als ich die andere Person neben ihm erkannte, stoppte ich abrupt und lief wieder einige Schritte rückwärts. Charlie stand bei ihnen und schien ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen, denn es sahen beide ziemlich ernst aus.
In meinem Kopf stellten sich hundert Fragen: Wieso kennen sich die Drei? Was redeten sie? Steckten sie heimlich alle unter einer Decke? Wollten sie mich auf frischer Tat ertappen? Aber ich fand auf keine Frage eine Antwort und stand einfach nur wie versteinert da.

4.

Unentschlossen blieb ich stehen. Ich wusste nicht ob ich auf schnellstem Weg verschwinden sollte oder abwarten sollte, wie sich die Situation weiterentwickelt. Während ich überlegte, verabschiedete sich Charlie und verschwand in der Menge.
Entschlossen trat ich auf Luca und Stefan zu.
„Hey!“, begrüsste ich die zwei.
„Hey Elin.“
Luca sah erleichtert aus.
„Da bist du ja!“
Auch Stefan schien erleichtert.
Das verwirrte mich etwas, aber ich lies mich nicht ablenken: „Was wollte den Charlie von euch?“
„Er hat dich gesucht“, beantwortete Stefan meine Frage.
„Wieso? Und warum hat er euch gefragt?“, alarmiert sah ich die beiden an.
„Du warst nicht auf deinem Zimmer als er kurz im Hotel war und dich etwas fragen wollte. Da hat er sich Sorgen gemacht“, antwortete Luca und Stefan fügte hinzu: „Und uns hat er gefragt, weil er uns heute zusammen hat reden sehen, als ich dir die Toilette gezeigt habe.“
„Was habt ihr ihm gesagt?“
Langsam stieg Panik in mir hoch.
„Dass wir nicht wissen wo du bist und wir dich nicht mehr gesehen haben seither“, erklärte Stefan erstaunt.
Ich atmete erleichtert auf, erstarrte aber gleich wieder, als mir der nächste Gedanke einfiel.
„Weiss Jack dass ich nicht in meinem Zimmer bin?“, fragte ich wieder panisch.
„Keine Ahnung, aber es hat nicht so geklungen. Charlie wollte erst nachschauen ob du hier auf der Party bist.“
Luca sah mich jetzt echt besorgt an: „Was ist den so schlimm, wenn du hier auf der Party bist?“
„Das geht dich überhaupt nichts an!“
Ich antwortete schroffer als gewollt. Die beiden sahen mich erschrocken an.
„Sorry, ich wollte nicht so reagieren, aber ich kann es nicht sagen.“
Ich seufzte.
„Schon okay“, nahm Luca die Entschuldigung an und Stefan nickte zustimmend.
„Danke.“
Ich war erleichtert, einen Streit mit ihnen stand nicht unbedingt auf meiner Wunschliste, ich hatte schon genug Probleme. Und das Hauptproblem im Moment fiel mir jetzt wieder ein.
„Ich muss sofort zurück ins Hotel.“
„Wir kommen mit.“
„Genau!“
Überrascht sah ich von Stefan zu Luca und zurück.
„Das ist doch nicht nötig. Ich will euch da nicht auch noch mit reinziehen.“
„Aber wenn wir dich nicht gefragt hätte, wärst du vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, auf die Party zu kommen“, widersprach Stefan und ehe ich noch etwas sagen konnte, schnappte er sich meine Hand und folgte Luca, der bereits auf dem Weg Richtung Ausgang war.
Ich war so überrascht, dass ich mich nicht wehrte und mich deshalb einfach mitziehen lies. Ausserdem wäre Widerstand wahrscheinlich sowieso vergeben gewesen.
So zwängten wir und durch die Leute, bis wir auf der Strasse standen.
„So, ab jetzt musst du uns führen.“
„Ihr müsst mich echt nicht begleiten. Ich komme schon alleine klar“, startete ich erneut einen Versuch.
„Nein, das kommt nicht in frage, wir kommen mit!“, erwiderte Luca energisch. „Also in welche Richtung müssen wir?“
Ich seufzte und ging der Strasse entlang, zum Hotel. Die Jungs folgten mir. So liefen wir schweigend, bis wir vor dem Eingang standen, jeder in seinen eigenen Gedanken.
In der Eingangshalle war niemand, bis auf die Dame hinter der Rezeption, die gelangweilt in einer Zeitschrift blätterte.
„Und ihr seid sicher, dass Jack von nichts weiss und nicht in meinem Zimmer wartet?“
Ich sah sie zweifelnd an.
„Keine Ahnung, aber das kann ich schnell herausfinden. Darf ich mal deinen Schlüssel haben?“
Auffordernd hielt Luca mir seine Hand hin.
Erstaunt gab ich ihm, was er wollte.
„Danke.“
Er lief zur Eingangstüre. Aber bevor er hinein ging, drehte er sich noch einmal um: „Geht etwas in Deckung, es ist wahrscheinlich besser wenn dich“, er sah mich an, „niemand sieht, trotz deiner Tarnung.“
Dann war er verschwunden.
Stefan sah ebenso verwirrt aus wie ich uns so befolgten wir seinen Rat und traten etwas in den Schatten, so dass wir immer noch beobachten konnten, was in der Eingangshalle geschah.
Luca war inzwischen bei der Rezeption und schien die Dame etwas zu fragen. Diese zuckte erst mit den Schultern, schien dann zu überlegen und antwortete etwas.
Sie diskutierten kurz, schliesslich nickte die Dame und Luca stieg die Treppe hinauf.
Wir sahen uns fragend an, aber uns blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten.
Fünf Minuten später stand Luca wieder bei uns.
„Hier dein Schlüssel. Es ist niemand in deinem Zimmer.“
„Danke. Aber wieso weißt du das?“
„Ich habe erst die Dame gefragt ob du auf deinem Zimmer seiest und nach einer kurzen Diskussion durfte ich, unter dem Vorwand dich etwas Dringendes fragen zu müssen, im Zimmer nachschauen. Da habe ich erst angeklopft und als niemand geöffnet hat, bin ich rein um sicher zu sein, dass wirklich niemand drin ist. Es war leer, auch auf dem Balkon war niemand.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und umarmte ihn deshalb kurzerhand.
„Danke!“
Verlegen umarmte er mich auch.
„Bitte gern geschehen! Aber jetzt gehst du wohl besser mal rein.“
„Stimmt.“
Ich liess ihn los und wollte gerade Stefan umarmen, als mir no etwas einfiel.
„Was erzähle ich den morgen Charlie? Er will sicher wissen wo ich war und wenn Jack informiert ist, muss ich sicher ein Verhör über mich ergehen lassen.“
Stefan überlegte kurz und fragte dann: „Hat das Hotel auch eine Bar oder so etwas?“
„Weiss ich nicht genau, aber ich denke schon. Wieso?“
„Du könntest doch einfach sagen, dass du dort warst und wenn er dort nachgesehen hat, warst du einfach auf dem Klo. Da kann er ja nicht nach gesehen haben.“
Die Idee war nicht schlecht. Erleichtert und dankbar umarmte ich auch ihn.
Dann sah ich abwechselnd vom einen zum andern.
„Ich weiss gar nicht wie ich euch danken soll!“
„Das kannst du später überlegen, aber jetzt gehst du wirklich besser mal rein, bevor dich jemand sieht.“
Obwohl ich lieber noch bei ihnen geblieben wäre, winkte ich beiden zum Abschied zu und trat dann in die Eingangshalle. Zum Glück war die Dame nicht da und ich konnte unbemerkt die Treppe hinauf und zu meinem Zimmer. Trotz Lucas Versicherung, dass niemand im Zimmer war, schloss ich möglichst leise auf und öffnete vorsichtig die Türe. Aber es war wirklich leer und sah auch nicht so aus, als ob jemand drin gewesen wäre. Erleichtert schloss ich die Türe.
Als erstes zog ich mich um, es konnte gut sein, dass Charlie mittlerweile Jack informiert hatte und dieser selbst nachsehen wollte, ob ich wirklich nicht im Zimmer war.
Als ich die Klamotten in meinem Rucksack verstauen wollte, fiel ein Zettel heraus. Ich musste lächeln als ich die Nachricht darauf las:

„Hey Elin.
Ich hoffe du bist gut in deinem Zimmer angekommen und kriegst nicht zuviel Ärger.
Wäre schön, wenn man sich mal wieder irgendwo sehen würde.
Gute Nacht, schlaf gut.
Luca“

Hinter seinem Namen stand eine Handynummer.
Schnell speicherte ich sie in mein Handy und vernichtete dann den Zettel schweren Herzens. Aber die Gefahr, dass ihn jemand sonst in die Finger bekam, wollte ich nicht eingehen.
Als ich im Bett lag, tippte ich eine Nachricht für ihn ein:

„Hi Luca.
War kein Problem ins Zimmer zu kommen. Nochmals vielen Dank. Ich hoffe auch, dass man sich mal wieder sieht.
Liebe Grüsse
Elin“

Ich musste nicht lange auf eine Antwort warten:

„Da sind wir erleichtert.
Bis bald mal.
Liebe Grüsse
Luca und Stefan
P.S. Falls du mal jemand zum Reden brauchst kannst du jederzeit anrufen.“

Ich lächelte traurig, wie gerne hätte ich ihn gleich angerufen, aber ich konnte nicht und ich bezweifelte auch, dass er mir helfen konnte.
So fiel ich in einen unruhigen Schlaf.

5.

Ich wurde durch lautes Klopfen an meiner Zimmertüre geweckt. Schlaftrunken setzte ich mich auf.
„Ja?“
„Hey Elin. Aufstehen! In einer halben Stunde beim Frühstück!“
Sara, eine Helferin, entfernte sich wieder.
Immer noch etwas benommen lies ich mich wieder ins Kissen fallen. Langsam fielen mir die Ereignisse der vergangenen Nacht wieder ein und ich fragte mich, wer alles von meinem Verschwinden wusste und ob sie meine Lüge glauben würden.
Schliesslich raffte ich mich auf und ging unter die Dusche; zu spät kommen war wahrscheinlich jetzt nicht die beste Idee.
Pünktlich erschien ich im Essraum, war allerdings trotzdem die letzte. Ich holte mir am Buffet etwas zu essen und trug das Tablett zum Tisch an dem Jack und meine Bandmitglieder sassen.
Sie verstummten, als ich näher kam, deshalb vermutete ich, dass sie über mich gesprochen hatten. Aber ich lies mir nichts anmerken und begrüsste sie wie immer mit einem „Guten Morgen.“
Unverständliches Gemurmel war die Antwort. Mit einem Seufzer setzte ich mich und hoffte beim ‚Verhör’, das wahrscheinlich gleich begann, möglichst überzeugend zu sein.
Wie vermutet stellte Jack sogleich die erste Frage:
„Warst du gestern Abend die ganze Zeit auf deinem Zimmer?“
„Ehm, nein, ich war mal kurz in der Bar. Wieso?“, versuchte ich möglichst unschuldig zu fragen.
„Nur in der Bar… soso… Und was wolltest du da?“
„Na, was wohl? Etwas trinken.“
„Und wieso hast du nicht auf deinem Zimmer etwas getrunken?“
Er sah mich auffordernd an.
„Keine Ahnung. Hatte keine Lust.“
Ich versuchte meine Stimme möglichst sicher klingen zu lassen und hoffte, dass niemandem das Zittern darin auffiel.
Jack beute sich jetzt vor um jede Regung auf meinem Gesicht sehen zu können und sprach mit lauernder Stimme: „Weißt du was ich denke? Die Bar, an der du etwas getrunken hast, war nicht hier im Hotel, sondern auf der Aftershowparty. Charlie hat nämlich hier überall nachgesehen und in der Bar warst du nicht!“
Ich versuchte ruhig zu bleiben und sicher zu antworten, was bei seinem Blick gar nicht so einfach war: „Ich war mal auf der Toilette. Vielleicht hat er in dieser Zeit nachgesehen und mich so verpasst.“
„Das wäre aber echt Zufall!“
An Jacks spöttischem Lächeln sah ich, dass er mir kein Wort glaubte. Aber ich erhielt unerwartete Hilfe.
„Das könnte aber wirklich sein. Ich habe nämlich nicht nachgefragt ob Elin da sei und auf der Toilette habe ich nicht nachgesehen, weil es mir gar nicht eingefallen ist.“
Nicht nur Jack, Simon und Sven sahen Charlie überrascht an, sondern auch ich.
„Du hast nicht nachgefragt?“, fragte Jack ungläubig.
„Nö!“
Ich staunte über Charlies Selbstsicherheit.
Jack schaute jetzt abwechslungsweise vom einen zum andern, schien aber kein Argument mehr zu haben, so sagte er nichts mehr. Dass er uns aber nicht glaubte, lag auf der Hand.
„Na gut, lassen wir das mal. In Zukunft bleibst du aber auf deinem Zimmer! Ist das klar?“
Er sah mich streng an.
Ich nickte nur, auf eine Regel mehr oder weniger kam es nicht mehr an, ich war mehr erleichtert, dass die Sache einigermassen glimpflich ausgegangen war für mich.
Eine Frage schwirrte mir allerdings jetzt in meinem Kopf herum; Wieso hatte mir Charlie geholfen, wenn er doch Jack über mein Verschwinden informiert hatte? Hatte er ein schlechtes Gewissen gehabt? Oder wollte er sich bei mir einschleimen, um Jack mehr Informationen zu geben?
Den Grund erfuhr ich kurze Zeit später, Charlie fing mich nämlich nach dem Frühstück auf dem Flur ab.
„Hey Elin, tut mir wirklich Leid wegen gestern Abend, also dass Jack von deinem Verschwinden erfahren hat.“
Ich sah ihn misstrauisch an, allerdings sah seine Miene ziemlich schuldbewusst aus.
„Ich erhielt von Jack den Auftrag nach dir zu sehen und als du nicht auf deinem Zimmer warst, wollte ich dich suchen. Dummerweise bekam Sven Wind davon und fand Jack sollte das wissen. Ich konnte ihn nicht davon abhalten, denn er fand, wenn du einfach so abhauen könnest, könnest du auch die Konsequenten tragen. So hat er Jack alles erzählt. Naja, aber zum Glück warst du schon wieder im Hotel, als sie nachgesehen haben. Tut mir wirklich leid!“, erklärte er mir.
Ich seufzte.
„Schon okay. War ja auch selber Schuld!“
„Vielleicht schon, aber ich finde du hast auch das Recht mal zu feiern. Es werden ja immer wie mehr Regeln. Aber wieso hast du denn gewusst, dass wir dich suchen?“ fragte er neugierig.
Ich zögerte, sollte ich ihm von Luca und Stefan erzählen. Er bemerkte dies.
„Keine Angst, ich erzähle nicht! Echt!“, beruhigte er mich.
So erzählte ich ihm das Wichtigste. Er nickte immer wieder kurz.
Als ich geendet hatte, schwieg er einen Moment, dann sah er kurz links und recht den Flur entlang und sah schliesslich mich ernst an.
„Falls du mal wieder so etwas planst, kannst du mich einweihen. Ich werde dann versuchen dir zu helfen und dich zu decken.“
Überrascht sah ich in an.
„Ehm, also, danke!“
Mehr konnte ich nicht sagen.

6.

Von jetzt an wurde ich noch mehr überwacht als vorher. Fast immer wenn ich irgendwo hinging, hatte ich eine Begleitung. Aber zum Glück hatte ich jetzt Charlie, so oft es ging, richtete er es ein, dass er meine ‚Begleitung’ war. So konnten wir auch ungestört miteinander reden und ich konnte so sein wie ich wollte.
Er wusste inzwischen genau bescheid über meine Tarnung, meine geheimen Ausflüge und auch über Luca und Stefan, mit denen ich regelmässig schrieb. Er hatte sogar den Vorschlag gemacht, sie zu treffen, wenn wir während der Tour in dieser Stadt spielten.
Es tat gut, jemanden zum reden zu haben und ich fühlte mich auch weniger einsam, da wir uns fast jeden Abend kurz im Zimmer besuchten und das Wichtigste diskutierten oder einfach sonst redeten.
Eines Abends hatte Charlie allerdings schlechte Nachrichten für mich.
„Jack wird langsam misstrauisch, weil wir so viel zusammen sind. Ausserdem hat er bemerkt, dass wir uns auch abends im Zimmer treffen. Wahrscheinlich denkt er, zwischen uns laufe etwas.“
„Oh, nein. Aber verbieten uns zu sehen, kann er uns ja nicht. Ich meine schliesslich spielen wir ja zusammen in einer Band.“
„Du weißt dass Jack alles kann“, stellte Charlie grimmig fest. „deshalb kann ich mir auch vorstellen, dass er dafür sorgen wird, dass wir so wenig wie möglich alleine zusammen sind.“
Ich seufzte, es war ja klar, dass, sobald ich etwas Glück hatte, es zerplatzte wie eine Seifenblase.
„Naja, es gibt da noch eine weiter schlechte Nachricht“, fügte er dann vorsichtig an.
Alarmiert hob ich den Kopf: „Und die wäre?“
Instinktiv wusste ich, dass diese vor allem mich betreffen würde.
„Jack hat wahrscheinlich auch herausgefunden, dass du nicht in der Garderobe bleibst, wie du immer sagst, wenn wir in die Kantine gehen, sondern heimlich auch etwas essen gehst oder so. Allerdings weiss er nicht wie du es anstellst. Ihm ist nur aufgefallen, dass du deinen Rucksack immer dabei hast und dass er immer so vollgepackt ist. Deshalb  will er ihn einmal heimlich durchsuchen!“
„Er will was machen?“ Ich richtete mich auf und sah ihn empört an.
„Pst! Nicht so laut!“
„Das lasse ich nicht zu. Das ist Privatsphäre!“, antwortete ich etwas leiser, aber nicht weniger aufgebracht.
Er zuckte mit den Schultern:
„Wie gesagt, Jack traue ich alles zu!“
Meine Gedanken wirbelten durcheinander: Charlie und ich konnten uns heimlich sehen oder zu Not miteinander telefonieren, aber was war wenn Jack die Kleider in meinem Rucksack entdeckte? Oder wenn er mich bei einem heimlichen Ausflug erwischte? Doch diese Gedanken wollte ich gar nicht weiterdenken.
Meine Wut wandelte sich in Verzweiflung und Hilflosigkeit, aber auch Widerstand um; Jack konnte mir doch nicht alles wegnehmen.
Doch schliesslich seufzte ich resigniert.
Charlie schreckte aus seinen eigenen Gedanken, als ich sprach: Dann ist es jetzt wohl das Beste, wenn ich die Kleider im Moment nicht mehr mitnehme und auf meine Ausflüge verzichte?!“
„Ja, denke ich auch. Und es ist wahrscheinlich auch besser, wenn wir nicht mehr so viel Zeit miteinander verbringen. Dass heisst auch, dass ich dich nicht mehr so viel begleiten werde.“
Ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse, nickte dann aber zustimmend.
„Sag mal?“, fragte er jetzt langsam. „Hast du eigentlich auch schon mal daran gedacht das ganze hier hinzuschmeissen und aus der Band auszusteigen?“
Ich sah traurig zu Boden: „Doch, das habe ich, aber das geht nicht!“
„Wieso denn nicht?“ Verwirrt sah er mich an.
„Wegen Simon!“, flüstere ich, während ich immer noch auf den Boden starrte.
„Wegen Simon? Wieso?“, hackte er noch verwirrter nach.
Ich seufzte und sah auf: „ Er hat mir gedroht, das ich es bereuen würde, falls ich aussteige und er sich wegen mir nicht die Karriere versauen lassen will!“
„Das ist wieder typisch für ihn! Und du lässt dir das einfach so gefallen?“, empörte er sich.
Ich zuckte nur müde mit den Schultern: „Ich wüsste ja eh nicht, was sonst machen. Die Schule habe ich ja geschmissen und eine Lehrstelle finde ich so wahrscheinlich auch nicht.“
Er sah mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte und wechselte dann das Thema: „Hast du schon etwas von Luca und Stefan gehört, wegen Samstag?“
Beim Namen ‚Luca’ huschte unwillkürlich ein Lächeln über mein Gesicht.
„Ja, habe ich. Sie würden sich freuen uns zu treffen und wieder zu sehen.“
„Gut“, grinste er jetzt auch.
„Du, aber wie stellen wir es denn jetzt an, so dass Jack und die anderen nichts mitbekommen?“, fiel mir auf einmal ein.
Jetzt grinste Charlie schelmisch: „Da habe ich schon eine Idee. Lass mich nur machen. Verabrede du dich mit ihnen, ich regle den Rest.“
„Okay, wenn du meinst“, antwortete ich irritiert.
Er erhob sich von seinem Stuhl.
„Ich gehe wohl besser mal. Ich wünsche dir eine gute Nacht.“
Ich stand ebenfalls auf.
Er umarmte mich länger als gewohnt zum Abschied. Ich spürte, dass es für ihn auch nicht einfach war, weniger Zeit mit mir zu verbringen.
Als er gegangen war, fühlte ich mich zum ersten Mal seit ich so viel Zeit mit ihm verbrachte, wieder richtig einsam.

7.

Es war ein komisches Gefühl alleine zum Frühstück zu gehen, am nächsten morgen. Sonst immer hatte Charlie vor meinem Zimmer gewartet, aber heute Morgen nicht. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr ich mich in den letzten Wochen an seine Anwesenheit gewohnt hatte.

Traurig setzte ich mich zu den anderen, zu denen ich wahrscheinlich nie gehören würde und wenn ich ehrlich war, auch nicht gehören wollte.

Charlie schien auch bedrückt zu sein, er sprach nicht so viel und wich meinen Blicken aus.

Auch Jack fiel seine Stimmung auf und er musterte ihn immer wieder, aber auch mich beobachtete er, als würde er etwas ahnen. Deshalb versuchte ich mich so unauffällig zu verhalten wie möglich.

Der Tag verging langsam, obwohl ich einige Interviews hatte. Dazu fühlte ich mich eingesperrt, da ich nicht mal mehr meine Tarnung benutzen konnte. Diese hatte ich sicherheitshalber im Hotel gelassen. So sass ich einsam und alleine in der Garderobe. Ich war froh als es Zeit war und unser Konzert begann

Auf der Bühne fühlte ich mich allerdings auch nicht mehr so wohl, wie noch am Anfang. Vor lauter Vorschriften, wie ich was singen und mich bewegen musste, hatte ich immer Angst etwas falsch zu machen. Ausserdem sollte ich dabei immer noch lachen und fröhlich aussehen. Das war das Schlimmste, denn im Moment war mir nur zum Heulen zu mute.

Beim letzten Song, den wir spielten, musste ich mich ziemlich zusammen reissen. Es war unsere erste Singleauskopplung ‚Ich bin ich’ und natürlich der Höhepunkt für die Fans.

Für mich war es deprimierend, zu singen, dass man sein sollte, wie man will, es aber selbst nicht sein durfte.

Ich durfte mir allerdings nichts anmerken lassen, für jedes Mal wenn ich das Gesicht verzog, bekam ich anschliessend hinter der Bühne von Jack eine Standpauke zu hören.

So lächelte ich stur. Als ich mich einmal umdrehte, bemerkte ich dass Charlie hinter seinem Schlagzeug mich sorgenvoll musterte. Auch während seinem Solo, dass er spielte als ich die Bühne verliess, verschwand die Sorgenfalte auf seiner Stirn nicht.

Wie vermutet, war Jack mit mir nicht zufrieden. Zwar lobte er erst die Jungs, danach wandte er sich allerdings mir zu: „Von dir bin ich wieder enttäuscht. Du hättest dein Gesicht sehen sollen, während ‚Ich bin ich’, deine Grimassen. Ist es denn so schwer zu lachen?“

Ich schluckte meine Bemerkung, die ich schon auf der Zunge hatte, herunter und sah traurig auf den Boden. Er hatte ja keine Ahnung.

„Ich hoffe morgen gibst du dir wieder mehr mühe. Die Fans zahlen nicht dafür um irgendeine Trauertante zu sehen, sondern eine gute Show!“

Obwohl mir die Tränen in die Augen stiegen, hob ich den Kopf und versuchte mit möglichst fester Stimme zu antworten: „Okay, ich versuche es.“

Danach senkte ich meinen Kopf sofort wieder, niemand sollte meine Tränen sehen.

Um mich herum unterhielten sich jetzt die anderen wieder. An mich dachte niemand mehr, nur Charlies Blick spürte ich auf mir, aber ich ignorierte ihn.

Schliesslich stand ich auf um zur Toilette zu gehen. Da alle beschäftig waren, hielt mich auch niemand zurück. Erleichtert schloss ich mich in der Kabine ein, holte meine Zigaretten hervor und rauchte eine. Nach einigen Zügen ging es mir besser und ich entspannte mich langsam.

Als ich den Flur entlang ging, hielt mich auf einmal jemand zurück. Ich erschrak, aber als ich mich umdrehte, erkannte ich Charlie.

„Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“

„Schon gut“, winkte ich ab, obwohl mein Herz immer noch ziemlich schnell schlug. „Was ist denn los?“

„Kannst du dich später in mein Zimmer schleichen? Ich habe Infos für Samstag, wenn wir uns mit …“

Er brach ab, da Schritte zu hören waren. Und prompt trat auch gleich Simon um die Ecke.

Mit einem misstrauischen Blick sah er vom einen zum anderen, man sah ihm an, dass er uns überhaupt nicht traute.

Auch Charlie schien das zu spüren.

„Also echt, nimm dich in Zukunft etwas besser zusammen, so schwer kann das doch nicht sein“, damit drehte sich Charlie um und ging davon.

Ich sah an seinem Gesicht, dass es nicht einfach für ihn war, diese Worte auszusprechen und es ihm selbst weh tat und doch trafen sie mitten in mein Herz und verletzten mich. Simons höhnischer Blick, der Charlies Gesicht ja nicht sah, machte das Ganze auch nicht besser.

Doch zum Glück sagte er nichts mehr, sondern stolzierte nur an mir vorbei.

Alleine blieb ich noch einige Sekunden stehen, ehe ich mich zurück in die Garderobe begab um meine Sachen zusammen zu packen.

Als wir wieder im Hotel waren und es ruhig geworden war, traute ich mich in den Flur.

So leise wie möglich schlich ich mich zu Charlies Zimmer, das am anderen Ende des Flurs lag; dafür hatte Jack schon gesorgt.

Charlie musste mich allerdings trotzdem gehört haben, denn noch ehe ich klopfen konnte, öffnete er schon die Türe.

Bevor ich richtig eingetreten war, geschweige denn, etwas sagen konnte, entschuldigte er sich schon: „ Es tut mir so leid, wegen vorhin. Ich wollte das nicht sagen, aber es war der einzige Weg Simons Misstrauen zu senken.“

Ich seufzte nur, wusste ich das doch selbst.

„Schon vergessen. Ich weiss, dass es so besser war.“

Ich setze mich in einen Sessel und hoffte, dass Charlie nicht merkte, wie sehr es mich trotzdem verletzt hatte. Allerdings war ich mir sicher dass er es wusste, aber er lies es und wechselte das Thema.

„Also, wieso ich mit dir reden wollte. Hast du schon mit Luca abgemacht wegen Samstag?“

„Nein, bis jetzt noch nicht.“

„Also es ist so. Du hättest Samstag eigentlich ein Interview gehabt, zu dem ich dich hätte fahren sollen. Dazu habe ich von Jack die Nummer des Reporters erhalten, damit der mir den Weg erklären kann. Ich habe mich auch mit dem Reporter in Verbindung gesetzt, aber nicht um nach dem Weg zu fragen, sondern um das Interview abzusagen. Ich habe ihm im Namen von Jack angerufen und erzählt, im Moment hätten wir zu viele Termine und zu wenig Zeit. Und da es ein Lokales Magazin und damit auch ein ziemlich unbekanntes ist, fällt es auch Jack nicht auf. Und wenn sie in einigen Monaten wieder anrufen, wie ich ihnen geraten habe, wird sich Jack sicher nicht mehr an den Namen erinnern. So können wir vorgeben, zum Interview zu fahren und in dieser Zeit Luca und Stefan treffen“, erklärte mir Charlie.

Ich blieb erstmal sprachlos sitzen, das hörte sich gar nicht mal so schlecht an.

Einige Zweifel blieben allerdings trotzdem: „Und du bist sicher, dass Jack nicht auch noch mit dem Reporter telefoniert? Oder uns irgendwie nachspioniert?“

„Denke ich nicht. Und sonst haben wir Pech gehabt.“

Trotz seiner Lockerheit merkte ich, dass er sich auch schon Gedanken darüber gemacht hatte. Ich überlegte einen Moment darüber nach. Die Gefahr, dass Jack dahinter kam, konnte ich nicht einschätzen, dazu war er zu unberechenbar. Wenn er uns erwischte, wusste ich nicht, was er mit uns machen würde, ich wollte es auch nicht wissen. Aber wenn wir unsere Chance nicht packten, würden wir es nicht erfahren. Und die Aussicht, Luca und Stefan wieder zu sehen, war einfach zu verlockend.

Charlie hatte mich beobachtet und schien auf einmal doch etwas unsicher: „Findest du es keine gute Idee?“

„Doch, so machen wir es. Ein Risiko müssen wir eingehen. Wenn es schief geht, können wir immer noch überlegen, was wir machen.“

‚Und wenn mich Jack aus der Band wirft wäre ich wenigstens wieder frei.’

Diesen Gedanken behielt ich allerdings für mich, ich wollte nicht darüber nachdenken ob etwas schief ging, sonder mich darauf freuen, meine Freunde wieder zu sehen.

8.

Die Woche verging mal schneller, mal langsam.

Ich hatte mit Luca ausgemacht, wo und wann wir uns treffen würden und jedes Mal wenn ich daran dachte, spürte ich ein aufgeregtes Kribbeln im Bauch.

Es war allerdings das einzig Positive in dieser Woche, denn Jack und Simon liessen keine Gelegenheit aus um einen fiesen Spruch zu machen oder mich zu kritisieren.

Obwohl ich mich auf der Bühne zusammenriss, war er mit meiner Leistung nicht zufrieden.

Da ich mich abends nicht mehr mit Charlie treffen konnte, trank ich in meiner Einsamkeit wieder mehr Alkohol, um das Gefühl zu betäuben.

Meistens half es aber nur bis am nächsten Morgen, denn dann war das ‚gute’ Gefühl weg und ich frage mich erneut, wieso ich mir das alles antat.

Schliesslich war es Samstag. Wir waren am morgen früh aufgebrochen und fuhren in die Stadt, in der ich in einigen Stunden Luca und Stefan wieder zu sehen.

Je näher wir kamen, desto aufgeregter wurde ich. Es fiel mir schwer, dies zu verbergen und ich hatte Angst, dass Jack oder Simon etwas merkten. Doch der einzige, der etwas zu merken schien, war Charlie und der war selbst nervös.

Wir fuhren erst ins Hotel um das Gepäck abzugeben, anschliessend ging es gleich weiter zur Halle, wo wir den Soundcheck hatten.

Ich schielte jede Minute auf die Uhr, doch die Zeit wollte nicht vorbei gehen. Meine Ungeduld fiel jetzt auch Jack auf.

„Elin, was ist los?“, frage er in ziemlich barschem Ton.

„Nichts.“ Unsicher sah ich ihn an.

Aber ehe er etwas erwidern konnte, sprach ihn ein Bühnenarbeiter an und er fing mit diesem an zu diskutieren.

Ich ahnte zwar, dass noch mehr Fragen kommen würden, aber so konnte ich mich wenigstens wieder etwas fangen und mir eine Ausrede einfallen lassen.

Das war allerdings nicht nötig, denn Jack hatte keine Zeit, mich weiter auszufragen und dann war auch schon Zeit um aufzubrechen.

Charlie nahm den Autoschlüssel in Empfang, während ich meinen Rucksack schnappte und kurz checkte ob ich alles dabei hatte. Dann ging ich mit ihm durch die Türe, den Flur entlang zum Auto.

Dort zwinkerte mir Charlie frech zu: „Bis jetzt hat es nicht schlecht geklappt.“

„Naja, aber wir sind auch noch nicht abgefahren“, erwiderte ich zweifelnd.

Mittlerweile war meine Nervosität wieder angestiegen, was einerseits damit zusammenhing, was Charlie und ich vorhatten, aber andererseits auch damit, dass ich bald Stefan und vor allem Luca wiedersehen würde. Ich konnte es kaum erwarten, hatte aber zugleich auch etwas Angst: was wenn wir nichts zum reden fanden, nur langweilig dasitzen würden oder, noch schlimmer, wenn sie Fragen stellen würden, wieso ich damals so dringend wieder ins Hotel zurück musste und die Tarnung trug.

Unruhig sass ich neben Charlie im Auto. Dieser bemerkte meine Nervosität und erzählte mir alles was er über die Stadt wusste, um mich abzulenken. Ich bekam allerdings nicht die Hälfte davon mit, so war ich mit meinen Gedanken beschäftig und schliesslich gab er seufzend auf. Dafür schaltete er das Radio ein, da er mit dem Reden auch sich selbst etwas ablenken wollte.

Etwas später parkte er das Auto im Parkhaus des Hauptbahnhofes.

„Es wäre wohl besser wenn du jetzt deine ‚Tarnung’ anziehen würdest. Von irgendwelchen Fans erkannt zu werden, könnte einige unangenehme Fragen zur Folge haben“, grinste er mir zu.

Ich musste trotz allem auch lachen und zog mir den zu grossen Kapuzenpulli über, setzte das Cap auf den Kopf, zog die Kapuze darüber, so dass man meine Haare nicht mehr sah, und legte zum Schluss die Sonnenbrille an.

Charlie hatte unterdessen auch ein Cap und eine Sonnenbrille aufgesetzt, bei ihm war die Gefahr erkannt zu werden allerdings um einiges geringer als bei mir.

Ich genoss die Sonne auf meinem Gesicht, während wir über den Bahnhofsplatz liefen und nach Luca und Stefan Ausschau hielten.

Ich erkannte die beiden schon von weitem, als ich sie auf einer Bank sitzen sah. Schnell packte ich Charlie am Arm und zog ihn zu den beiden.

Als wir näher kamen, entdeckte sie uns auch und kamen uns entgegen.

„Hey Elin! Wie geht es dir?“

Luca war als erster bei mir und umarmte mich kurzerhand. Ich spürte mein Herz wie wild klopfen

„Hi Luca. Mir geht’s gut. Und dir?“

„Auch“, strahlte er mich an.

Dann begrüsste ich Stefan, der die Szene grinsend mitverfolgt hatte, und stellte sie Charlie vor, der sie ja zwar schon kannte, aber nicht wusste, wer jetzt wer war.

Sie begrüssten sich ebenfalls.

Ich atmete auf, als ich bemerkte, dass sie einander sympathisch schienen oder jedenfalls miteinander auskommen würden.

„Wo wollen wir hin?“

Luca sah uns fragend an.

„Keine Ahnung, wir kennen uns ja hier nicht aus“, erwiderte ich grinsend.

„Stimmt, da hast du recht“, grinste er zurück und wandte sich dann an Stefan: „Wir haben uns gar nicht überlegt, was wir ihnen zeigen wollen oder wohin wir mit ihnen wollen. Wäre der Park etwas?“

Stefan überlegte kurz und fragte dann: „Wie lange habt ihr denn Zeit? Wann müsst ihr zurück sein?“

Charlie sah auf seine Uhr und antwortete dann: „In ungefähr zwei Stunden sollten wir wieder hier sein, damit wir genügend Zeit haben, um zurück zur Halle zu fahren.“

„Dann ist es für in den Park etwas zu weit, da haben wir fast eine halbe Stunde mit dem Bus um hinzukommen. Wie wäre es denn wenn wir einfach in unsere WG gehen? Da können wir auf der Terrasse sitzen und ihr müsst eure Tarnung nicht tragen.“, schlug Luca vor.

„Du willst ihnen unser Chaos antun?“, Stefan sah gespielt überrascht an.

„Du meinst wohl eher DEIN Chaos!“, erwiderte Luca mit hochgezogener Augenbraue.

Stefan errötete leicht und streckte ihm die Zunge heraus.

„So schlimm ist es nun auch wieder nicht“, versuchte er sich zu verteidigen.

„Naja, wenn du meinst…“, brummte Luca und sagte dann grinsend zu uns: „ Das Chaos ist zum Glück vorwiegend in seinem Zimmer, deshalb muss ich mich nicht so schämen, euch in unsere Wohnung zu lassen. Aber wir können auch sonst in ein Café oder so gehen.“

Charlie zuckte mit den Schulter: „Mir ist es egal. Was meinst du?“

Er sah mich fragen an.

„Ich wäre für eure Wohnung“, entschied ich. Langsam wurde mir in meinem Pulli langsam warm. Obwohl es erst April war, schien die Sonne schon ziemlich kräftig.

„Gut, dann lasst uns gehen.“

Stefan lief mit Charlie voran, Luca und ich folgten ihnen.

 




Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung