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16.

„Wie siehst du den aus?“, fragte ihre Mutter überrascht, als Adriana am nächsten Morgen die Küche betrat.
Unwillkürlich musste sie etwas lächeln, so eine Situation hatte sie doch auch schon erlebt.
„Wieso meinst du?“, fragte sie zurück und sah an sich herunter, allerdings war es auch für sie ungewohnt, sich wieder so zu sehen.
„Du trägst wieder deine früheren Kleider.“
„Ja, tu ich.“
Während Adriana wie jeden Morgen ihre Wasserflasche fühlte, schwiegen beide. Aber als sie die Küche verlassen wollte, hielt ihre Mutter sie zurück.
„Heisst das, dass du dich jetzt wieder normal kleidest?“, fragte sie vorsichtig.
Adriana zögerte, ehe sie antwortete, doch dann sagte sie bestimmt: „Ich weiss zwar nicht genau, was zu mit normal meinst, aber ich werde mich wieder wie früher kleiden, ja.“
Ihre Mutter atmete erleichtert auf und lächelte sogar leicht.
Dann fiel ihr Blick auf die Uhr.
„Aber wieso bist du schon so früh auf? Willst du jetzt schon in die Schule? Du bist doch gut eine halbe Stunde zu früh.“
„Ich muss vor der Stunde noch etwas mit einer Lehrerin besprechen, deshalb gehe ich jetzt schon“, antwortete Adriana ausweichend und verabschiedete sich dann schnell, ehe ihre Mutter weitere Fragen stellen konnte.

Einige Zeit betrat sie den leeren Schulhof und lief zum Schulhaus. Es war ungewohnt ruhig, normalerweise standen überall Schüler, die sich begrüssten, miteinander schwatzten und sich den neusten Klatsch und Tratsch erzählten.
Auch die Lehrerparkplätze waren noch fast alle leer, nur vereinzelt stand ein Auto auf einem Parkfeld. Die meisten Lehrer kamen nicht viel früher als die Schüler.
Sie hoffte, dass sie nicht umsonst schon so früh in der Schule war, öffnete die Eingangstüre und stieg die Treppe zum Lehrerzimmer hinauf.
Vor der Tür zögerte sie dann doch, noch hatte sie Zeit wieder zu gehen und sich wieder umzuziehen.
Sie dachte an den vergangenen Abend, sie hatte lange wach gelegen und über Lars Wutanfall nachgedacht. Auf dem Nachhauseweg war ihr Impuls gewesen, zu fliehen, alles hinter sich zu lassen und neu anzufangen. Aber im Bett hatte sie diesen Plan schon wieder verworfen gehabt, weil Lars Recht hatte: Sie musste sich damit abfinden, dass sie hier wohnte und das Beste daraus machen.
Entschlossen klopfte sie an die Lehrerzimmertüre.
Drinnen hörte man, wie ein Stuhl zurückgeschoben wurde und kurz darauf wurde die Türe von einem Lehrer, den Adriana vom sehen kannte, geöffnet.
Er sah sichtlich erstaunt aus, so früh am Morgen hatte er anscheinend noch keinen Schüler erwartet.
Adriana ignorierte es.
„Guten Morgen. Ist Frau Berger schon da?“, fragte sie höflich.
„Ja, sie ist schon da. Einen Moment bitte.“
Er verschwand im Zimmer, Adriana hörte ihn etwas sagen und dann tauchte Frau Berger auf.
„Adrian, was machst du den schon da?“
Sie schien genau so überrascht zu sein, wie der Lehrer vorhin.
„Ich muss etwas mit ihnen besprechen. Haben sie kurz Zeit?“
„Klar. Ich komme gleich wieder. Ich hole nur schnell meine Schlüssel, dann können wir in ein Besprechungszimmer.“
Adriana nickte, Frau Berger ging wieder hinein und kam mit einem Schlüsselbund in der Hand zurück.
Sie den Flur entlang und Adriana folgte ihr. Vor einem Zimmer blieb sie stehen, schloss die Türe auf, lies Adriana zuerst eintreten und schloss die Tür hinter sich.
„Setzt dich“, forderte sie Adriana auf und nahm selbst gegenüber Platz.
„Also, Adrian, was willst du mit mir bereden?“
Adriana zog ihr Cap aus, das sie aus Gewohnheit angezogen hatte, und zögerte mit antworten. Frau Berger beobachtete diese Handlung erstaunt, lies ihr aber Zeit.
„Naja, es ist so, …, also… ich heisse gar nicht Adrian, sonder Adriana und bin eigentlich ein Mädchen.“
Sie wagte nicht, die Lehrerin anzusehen, sonder starrte stattdessen auf den Tisch.
„So etwas habe ich mir gedacht.“
Jetzt war es an Adriana erstaunt auszusehen.
Als Frau Berger ihren Blick sah, musste sie lächeln und erklärte: „Ich habe es schon von Anfang an vermutet, war mir aber nicht sicher und fragen wollte ich auch nicht. ich dachte mir, wenn es wirklich so ist, hättest du sicher deine Gründe. Deshalb habe ich es akzeptiert. Jetzt würde mich aber interessieren, wieso du dich als Junge ausgegeben hast und wieso du beschlossen hast, alles aufzuklären?“
Sie sah Adriana auffordernd an.
Diese atmete tief ein und fing an mit erzählen: von ihrer Angst, in der Klasse nicht akzeptiert zu werden, von der Idee sich zu verkleiden, ihren Plänen in die Schweiz zurück zu gehen, ihrer Freundschaft zu Lars, der als einziger ihr Geheimnis kannte, seinem Vorschlag die Ausbildung in Deutschland zu beenden, der Schwärmerei für Janina, dem Gefühlschaos als Domenico aufgetaucht war und schlussendlich vom Streit zwischen Lars und ihr.
„Und so habe ich beschlossen, wieder Adriana und nicht mehr Adrian zu sein und den Plan die Ausbildung zu beenden aufzugeben und stattdessen Abi zu machen“, beendete sie ihre Erzählung. Die letzen Worte klangen Bitter, was auch ihrer Lehrerin nicht entging, die aber vorläufig tat, als hätte sie es nicht bemerkt.
Es blieb einen Augenblick still, ehe Frau Berger sprach: „Ich vermute mal, wir werden Lars heute, nach dem Vorfall gestern, nicht in der Schule sehen?!“
Verwundert über diese Aussage, schüttelte Adriana traurig den Kopf.
„Schade, er wäre sicher erfreut über die Wirkung seiner Worte“ lächelte Frau Berger. „Ich finde es gut, dass du den Mut hast dich der Klasse jetzt so zu stellen und zu deinem Verhalten zu stehen.“
„Danke“, antwortete Adriana. „Aber wahrscheinlich habe ich es sowieso verbockt mit der Freundschaft zu ihm.“
Traurig sah sie aus dem Fenster. Von weitem hörte man die ersten Schüler auf dem Schulhof und vereinzelt Schritte auf dem Flur.
„Das denke ich nicht. Lars ist nicht jemand der nachtragend ist. Er kommt wird vielleicht nicht den ersten Schritt machen, aber wenn du dich bei ihm meldest und dich entschuldigst, wird er sicher wieder der alte sein. Wenn ihm die Freundschaft nichts bedeuten würde, dann hätte er gestern nicht so reagiert.“
„Meinen Sie?“
Unsicher sah Adriana sie an.
„Ganz bestimmt!“, nickte diese. „Und falls du irgendwelche Probleme hast, kannst du jederzeit zu mir kommen. Ich werde versuchen dir zu helfen, denn ich finde deine Entscheidung gut. Bis auf einen Punkt: ich finde du solltest das mit der Lehrstelle nicht aufgeben!“
„Wieso meinen Sie? Sie predigen doch immer, dass Abi wichtig sei“, widersprach Adriana.
„Vielleicht bei Schülern die entweder studieren wollen oder noch nicht so genau wissen, was sie wollen. Aber du weißt es und deshalb ist bei dir Abi Zeitverschwendung, beziehungsweise es bringt dir nichts, wenn du dich demotiviert wieder auf die Schulbank drückst, wenn du doch eigentlich eine Ausbildung beenden möchtest. Und Abi kannst du später immer noch nachholen, falls du mal studieren möchtest. Allerdings wäre es wohl besser wenn du einen Ausbildungsplatz auf ende des Semesters suchen würdest, jetzt ist klar, das zu nicht so schnell etwas findest. Falls du Referenzen benötigst, kannst du übrigens jederzeit mich angeben, ich werde gerne Auskunft geben.“
Adriana sah Frau Berger überrascht aber dankbar an: „Ich weiss gar nicht was ich sagen soll. Danke!“
Frau Berger lächelte.
„Gern geschehen. Aber wahrscheinlich gehst du jetzt besser mal ins Klassenzimmer, es läutet in ungefähr 10 Minuten.“
Sie verabschiedeten sich von einander und Adriana fühlte sich schon viel besser.

17.

Doch das gute Gefühl verpuffte je näher sie dem Klassenzimmer kam.
Viele ihrer Klassenkameraden hatten gestern den Streit mitbekommen und so auch, dass sie ein Mädchen war. Wie würden sie jetzt reagieren, wenn sie als Adriana eintrat.
Sie konnte sich schon Lisas und Tizianas spöttische und verachtende Mienen vorstellen und ihr Magen zog sich zusammen.
Vor der Tür zögerte sie, von drinnen war Gelächter zu hören. Mit dem Funken Hoffnung, dass Lars wie immer an seinem Platz sitzen würde, trat sie schliesslich durch die Türe. Doch der Funke starb sofort, als sie ihr leere Pult sah: Lars war nicht da. Dafür starrten sie viele Augenpaare an und es war auf einmal mucksmäuschenstill. Unsicher blieb sie stehen.
„Guten Morgen.“
Schüchtern hob sie die Hand zum Gruss, liess sie aber gleich wieder fallen als niemand antwortete.
Mutlos und alle Blicke auf sich gerichtet, schlich sie zu ihrem Platz und lies sich auf den Stuhl fallen.
Seit sie das Klassenzimmer betraten hatte, hatte niemand mehr ausser ihr ein Wort gesagt, aber jetzt fing das Geflüster an. Vor allem eine Frage stand im Raum: „Was will die den noch hier?“
Adriana ignorierte sie so gut es ging, bis Lisa und Tiziana das Zimmer betraten. Adriana hätte sich jetzt am liebsten unsichtbar gemacht, aber mit einem Blick entdeckte Lisa sie.
„Wer bist du den?“, neugierig kam sie näher, Tiziana folgte ihr ebenso neugierig.
Da Adriana sonst immer ihr Cap getragen hatte, erkannten sie sie nicht auf Anhieb, aber als sie vor Adriana standen, realisierten sie wer sie war.
„Du?“, rief Lisa aus und Tiziana fragte: „Was willst DU den hier?“
„Ich…“, setzte Adriana an, um zu antworten, aber Lisa unterbrach sie: „ Wie kannst du es wagen wieder hier aufzukreuzen, nachdem du uns alle so verarscht hast? Denkst du wir nehmen dich einfach wieder so auf? Dass wir dir verzeihen und das ganze vergessen? Wieso gehst du nicht einfach dorthin zurück wo du herkommst? Dann wären wir dich los!“
Sie starrte Adriana erst feindselig an und drehte sich dann um und stolzierte an ihren Platz. Tiziana tat es ihr nach.
Adriana selbst war wie vor den Kopf geschlagen, dass sie nicht mit offenen Armen von der Klasse empfangen werden würde, hatte sie erwartet, aber so etwas dann doch nicht.
Sie starrte auf ihr Pult und versuchte die Tränen zurückzuhalten: weinen war jetzt das letzte was sie wollte.
Die meisten Mitschüler, die die Szene schweigend beobachtet hatten, drängten sich jetzt um das Pult von Lisa und Tiziana, flüsterten mit ihnen und warfen Adriana immer wieder abschätzige Blicke zu.
Der Lehrer betrat pünktlich mit dem Klingeln das Klassenzimmer und alle setzten sich an ihre Plätze. Er wollte gerade mit dem Unterricht beginnen, als sich Adriana meldete.
„Ja, Adrian?“ Der Lehrer sah sie sichtlich verwirrt an.
„Ab heute Adriana“, verbesserte sie ihn und fuhr, ehe der Lehrer eine Frage stellen konnte: „Ich hätte gerne der Klasse etwas gesagt, wenn ich darf.“
„Ehm, ja klar.“ Immer noch verwirrt nickte er.
Alle Augen auf sich gerichtet, stand Adriana langsam auf: „Also ich, … naja ich wollte sagen, dass es mir Leid tut. Ich wollte euch nicht verarschen, wie Lisa gesagt hat, ich habe nur schlechte Erfahrungen gemacht und hatte Angst, dass sich alles hier noch einmal wiederholen würde, deshalb habe ich mich vorneweg als Junge ausgegeben. Und vor allem war mein ursprünglicher Plan sowieso, dass ich in die Schweiz zurückgehe und dann wäre es gar nie aufgefallen. Aber, naja, es hat sich halt alles geändert und irgendwie konnte ich nicht mehr aus dieser Situation raus, bis gestern…“, sie stockte kurz bei der Erinnerung „ und da habe ich nach langem Überlegen beschlossen, wieder ich selbst zu sein und zu der ganzen Sache zu stehen. Ich weiss, dass ich eure Freundschaft vergessen kann, aber ich bitte euch, das Ganze zu akzeptieren und mir eine zweite Chance zu geben!“, flehend sah sie in die Runde und versuchte in den Gesichter zu lesen, was die einzelnen Personen dachten. Einige, wie Lisa und Tiziana, sahen sie mit abweisenden Gesichtern an, aber es gab auch einige die sie verständnisvoll und auch etwas Mitleidig ansahen.
Sie setzte sich wieder und starrte auf das Pult.
Der Lehrer ging nicht weiter darauf ein und begann mit dem Unterricht, Adriana war ihm dankbar dafür. Viel bekam sie allerdings nicht mit, sie war viel zu sehr in ihre Gedanken vertieft.
Sie dachte an das Gespräch mit Frau Berger zurück. Sie war überrascht wie viel besser es gelaufen war und vor allem hätte sie nicht gedacht, dass Frau Berger ihr vorschlagen würde, zu versuchen auf Ende Semester einen neuen Ausbildungsplatz zu suchen. Aber ob sie die Geduld hatte, ohne Lars der ihr half. Sie fragte sich zum unzähligsten Mal, ob er je wieder mit ihr sprechen würde. Da er ja nicht ewig schwänzen konnte, musste er ja wieder in die Schule kommen und ihm würde nichts anderes übrig bleiben, als sich wieder neben sie zu setzen, da sonst kein Platz mehr frei war. Ihr wäre es allerdings fast lieber gewesen, wenn er sich an einen anderen Platz setzen würde. Sie schämte sich und hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen ihm gegenüber. Einerseits, wie sie sich ihm gegenüber benommen hatte, wie sie immer gejammert und pessimistisch gedacht hatte. Aber auch weil sie nicht gemerkt hatte, wie sehr er Janina mochte und wie sehr es ihn verletzt haben musste, als sie, Adriana, ihr nicht die Wahrheit gesagt hatte. Jetzt wusste sie auch, wieso er damals in der Disco so reagiert hatte, er war eifersüchtig gewesen. Obwohl sie vermutet hatte, dass da mehr war, als nur der Ärger, dass sie Janina nicht die Wahrheit sagte, wäre sie nie darauf gekommen. Dabei wäre es Naheliegendste gewesen.
Es klingelte und Adriana schreckte auf. Sie war so in ihren Überlegungen gewesen, dass sie nicht mal mitbekommen hatte, ob sie Aufgaben hatten. Obwohl im Moment hatten Aufgaben für sie nicht wirklich erste Priorität für sie.
Ihre Mitschüler hatten sich mittlerweile in Gruppen zusammen gestellt und Adriana wusste, dass es nur ein Thema gab: Sie und ihr Outing. Aber zum Glück liessen sie alle in Ruhe.
Frau Berger betrat das Klassenzimmer und pünktlich mit ihr klingelte es wieder zur nächsten Stunde. Als sich alle an ihre Plätze gesetzt hatten, sah die Lehrerin wie immer über die Klasse. Es schien ausser Adriana niemandem aufzufallen, dass sie sich heute nicht wunderte, dass Lars nicht da war, genau so wie niemand den aufmunternden Blick bemerkte, der sie Adriana zuwarf. Dann schrieb sie Lars Absenz ins Klassenbuch und begann, ohne weiteren Kommentar, den Unterricht.
Adriana fiel wieder zurück in ihre Gedanken. Sie dachte an Janina, immer wieder sah sie ihr verletztes und enttäuschtes Gesicht vor sich. Auch ihr gegenüber hatte sie ein schlechtes Gewissen. Sie hatte keine Ahnung, was für Gefühle sie für Janina empfand, aber sie wusste, dass sie Janina nicht verlieren wollte. Allerdings hatte sie das wahrscheinlich jetzt verspielt. Sie würde sich noch mehr als bei Lars wundern, falls Janina wieder ein freundliches Wort mit ihr reden würde. Sie wünschte sich, es wäre nicht so gekommen. Es war zwar klar gewesen, dass Janina irgendeinmal herausgefunden oder erfahren hätte, das sie, Adriana, ein Mädchen war, aber ihr wäre es lieber gewesen, wenn es nicht auf diese Art geschehen wäre. Allerdings hätte Adriana wahrscheinlich auch nie den Mut gehabt, es zu sagen und so wusste sie es auf jeden Fall.
Adriana seufzte, versuchte ihre Überlegungen auszublenden und sich dafür auf den Geschichtsunterricht zu konzentrieren.

18.

Der Tag verging und Adriana hatte trotz dem Versuch sich zusammen zu reissen, nicht viel mehr von den übrigen Unterrichtsstunden mitbekommen, wie schon von den vorherigen. Immer wieder waren ihre Gedanken abgeschweift, vor allem nach dem sie Janina in der grossen Pause gesehen hatte.
Es hatte Adriana fast das Herz zerrissen, als sie Janina so traurig bei ihren Freundinnen hatte stehen sehen. Sie hatte abwesend vor sich hin gestarrt und immer wenn sie jemand angesprochen hatte, war sie wie aus einer Art Trance aufgeschreckt.
Adriana war froh als die Schule endlich aus war. Müde lies sie sich im Bus auf einen freien Sitz fallen und überlegte, was sie an diesem angebrochenen Nachmittag noch machen sollte. Normalerweise machte sie etwas mit Lars, aber sie hatte den ganzen Tag nichts von ihm gehört und wusste nicht, ob es eine gute Idee war, zu ihm zu gehen. Zwar hatte Frau Berger gemeint, wenn sie den ersten Schritt machen würde, würde Lars ihr verzeihen. Aber dafür war es wahrscheinlich noch zu früh.
Schliesslich hielt der Bus an ihrer Haltstelle und sie stieg aus. Langsam ging sie auf ihr Haus zu. Es war ein komisches Gefühl, ohne Lars dabei zu haben oder zu wissen, dass sie sich danach wieder trafen. Überhaupt war es komisch, nichts vorzuhaben.
Als sie näher kam, sah sie, dass ihr Auto nicht da war, also war ihre Mutter nicht zuhause. Eigentlich nichts aussergewöhnliches, ihre Mutter arbeitete manchmal auch nachmittags oder war einkaufen, aber jetzt wäre Adriana froh gewesen, nicht ein leeres Haus vorzufinden.
Sie schloss die Türe auf, trat ein und zog ihre Jacke und die Schuhe aus.
In der Küche, die sie dann betrat, lag ein Zettel auf dem Tisch. Sie wunderte sich etwas, ihre Mutter schrieb selten Zettel, aber wahrscheinlich war es nur ein Auftrag, den sie noch erledigen musste, also, Wäsche zum trocknen aufhängen. Da sie keine Lust auf so etwas hatte, holte sie sich erst ein Yoghurt aus dem Kühlschrank und setzte sich dann auf einen Stuhl. Jetzt erst zog sie den Zettel näher heran und las ihn. Als sie fertig war, sah sie erstaunt auf und las den Text noch einmal durch. Aber da stand immer noch dasselbe:

Hallo Adriana
Ich wollte dir nur mitteilen, dass heute ein Herr Schneider von einem ‚Autocenter Hannover West’ angerufen hat. Er sagte, du hättest dich bei ihnen beworben und er wolle dich auf ein Vorstellungsgespräch einladen. Du sollst dich so schnell wie möglich bei ihm melden. Die Nummer lautet ….

Ach ja, ich habe mich mit einer Arbeitskollegin zum bummeln in der Stadt verabredet, es könnte später werden.

Hab dich lieb.
Mam

Zum dritten Mal, las Adriana den Zettel jetzt durch, aber sie wurde immer noch nicht schlau aus dem Text. Mechanisch öffnete sie ihren Yoghurt und während sie ihn ass, wirbelten ihre Gedanken durcheinander.
Sie konnte sich nicht daran erinnern, sich bei dieser Firma beworben zu haben, Sie lag ausserhalb ihres Stadtteils. Vielleicht wäre sie auf der Adressliste, die sie am vorherigen Tag mit Lars durch gegangen war. Aber da hatte sie sich noch nirgends beworben, der Vorfall mit Lars war zuvorgekommen.
Daran zu denken tat Adriana immer noch weh und sie konzentrierte sich wieder auf die Frage, wieso dieser Herr Schneider sie angerufen hatte.
Da musste eine Verwechslung vorliegen, allerdings hätte dies doch ihre Mutter sicher geklärt. Aber sonst fiel ihr keine andere Erklärung ein, als diese.
Adriana stand seufzend auf, warf den leeren Yoghurtbecher in den Müll und ging mit dem Zettel in der Hand in ihr Zimmer. Dort wählte sie kurz entschlossen die Nummer, die ihre Mutter angegeben hatte.
Sie musste nicht lange warten, schon nach dem zweiten Klingeln meldete sich eine Frauenstimme:
„Autocenter Hannover West, Meier. Guten Tag.“
„Guten Tag, Adriana Lässer hier. Ich hätte gerne mit Herr Schneider gesprochen.“
„Ah, Sie rufen wegen dem Bewerbungsgespräch an, nehme ich an. Einen Augenblick.“
Adriana war zu überrascht um etwas zu erwidern und schon tutete es erneut in der Leitung, jetzt allerdings dauerte es etwas länger, bis sich wieder jemand meldete.
„Schneider.“
„Guten Tag Herr Schneider. Hier spricht Adriana Lässer.“
„Ah, guten Tag Frau Lässer. Also haben Sie die Mitteilung, die ich hinterlassen habe erhalten?“, stellte Herr Schneider fest. Seine Stimme klang ziemlich sympathisch.
„Ja, habe ich. Allerdings muss da eine Verwechslung vorliegen.“
„Eine Verwechslung, wie kommen Sie den auf so etwas?“, fragte er erstaunt.
„Naja, ich kann mich nicht erinnern, mich bei Ihnen beworben zu haben“, versuchte Adriana ihm zu erklären.
„Einen Moment, ich suche kurz Ihre Unterlagen.“
Sie hörte das Rascheln  und Verschieben von Papier, ehe er wieder sprach:
„Inwiefern denken Sie, dass eine Verwechslung vorliegt? Ich habe jetzt die Bewerbung vor mir und die ist von jemandem der ‚Adriana Lässer’ heisst, geschrieben worden. Sie heissen doch so?“
„Ja das schon, aber ich kann mich nicht erinnern mich bei ihnen beworben zu haben“, wiederholte Adriana.
Es war einige Sekunden still am anderen Ende, dann fragte Herr Schneider: „Dann haben Sie also keine Interesse die Ausbildung zu beenden?“
Etwas überrumpelt von dieser Frage, wusste Adriana nicht ganz was antworten: „Doch, dass schon, aber…“
„Dann ist doch gut. Wann haben Sie Zeit für ein Vorstellungsgespräch?“ Er klang jetzt wieder vergnügt. „Würde es Ihnen“, Adriana hörte ihn in einer Agenda blättern. „sagen wir mal, am Freitag um 15:00 Uhr passen?“
„Ja, das sollte gehen. Aber was ist denn mit der anderen Bewerberin?“
„Ah, machen Sie sich da keine Gedanken. Ich glaube Sie sind genau die Person die wir suchen“, erwiderte er. „Dann also bis Freitag. Schönen Tag wünsche ich ihnen noch.“
„Wenn Sie meinen. Auf wiedersehen“, perplex hängte sie auf.

19.

Adrianas erste Impuls war, Lars anzurufen und wie von selbst wählte ihre Hand Lars Nummer. Erst als es in der Leitung tutete, realisierte sie, dass sie ihn nicht einfach so anrufen konnte, da war ja immer noch ihr Streit. Doch ehe sie auflegen konnte, meldete er sich schon: „Ja?!“
Adriana konnte beim besten Willen nicht sagen, wie seine Stimme klang; überrascht, genervt, erfreut, gleichgültig,…
„Hi Lars“, mehr sie im ersten Moment nicht heraus.
Lars antwortete nur mit einem: „Hey!“
Immer noch war Adriana unschlüssig, wie seine Stimme klang und es entstand ein Schweigen, weil sie nicht wusste was sagen.
Aber dann brachen die Worte wie von selbst aus ihr heraus, erst zögerlich und unsicher, dann immer schneller: „ Es tut mir leid wegen meiner Stimmung und Einstellung, die ich in letzter Zeit hatte. Ich habe mich total doof benommen, mit meinem Pessimismus, meiner schlechten Laune und der Unentschlossenheit.“
Sie stockte und wartete auch ein Zeichen von Lars, aber es blieb still am anderen Ende.
So fuhr sie fort: „Du hattest recht, ich kann nichts dafür, dass ich hier bin, aber ich kann versuchen, das Beste daraus zu machen. Ich hoffe, du hilfst mir dabei, denn es gibt keinen besseren besten Freund für mich als dich!“
Atemlos wartete sie auf seine Antwort und vernahm dann sein vertrautes Lachen.
„Dass ist echt verrückt, ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht, wie und wann ich mich entschuldigen soll und jetzt kommst du mir zuvor! Aber ich möchte trotzdem noch einige Worte sagen. Mir tut mein Verhalten von gestern leid. Die Worte, die ich gesagt habe zwar nicht, aber die Art, wie ich sie gesagt habe! Obwohl nett gesagt hätten sie vielleicht nicht dieselbe Wirkung gehabt“, gluckste er vergnügt und sprach dann ernste wieder weiter: „Nein, spass bei Seite, ich hätte nicht so ausrasten sollen und vor allem dich nicht vor allen so blossstellen. Das tut mir echt leid! Ich hoffe, ich darf dir dabei helfen, dich hier wohl zu fühlen, denn es gibt keine bessere beste Freundin für mich als dich!“
Wieder wurde es still, aber dieses Mal war es ein anderes Schweigen, es war eine Verbundenheit. Dieses Schweigen sagte mehr als 1000 Worte.
„In einer viertel Stunde im Park?“
„Treffen wir und im Park?“
Fast wie aus einem Mund, stellten beide ihre Frage und mussten lachen.
„Dass nennt man wohl Gedankenübertragung“, stellte Lars fest.
„Würde ich auch sagen.“, lächelte Adriana. „Aber in dem Fall bis nachher.“
„Jep!“
Sie verabschiedeten sich voneinander und Adriana lächelte immer noch, als sie auflegte.
Frau Berger hatte recht gehabt, Lars hatte ihr verziehen, sich sogar auch noch entschuldigt.
Schnell schnappte sie sich die wichtigsten Sachen, schrieb einen Zettel für ihre Mutter, um zu erklären wo sie war und ging in die Küche um ihn auf den Tisch zu legen.
Im Flur kam sie am Garderobenspiegel vorbei und zuckte zusammen, als sie ihr Spiegelbild sah. Es war immer noch ungewohnt, wieder die ‚alte’ Adriana darin zu sehen. Jetzt fiel ihr auch ein, dass sie Lars gar nichts davon gesagt hatte. Ob er es ahnte? Vielleicht hätte sie ihn vorwarnen sollen, damit er nicht einen zu grossen Schrecken hatte. Dann aber fand sie, dass diese Überraschung gar nicht so schlimm war, im Gegenteil sie freute sich sogar irgendwie auf sein Gesicht.
Vergnügt grinste sie ihrem Spiegelbild zu und trat dann zur Tür hinaus.

Wie immer sass Lars schon auf der Bank, als sie den Hügel hinauf lief. Beim näherkommen sah sie seinen verwirrten Gesichtsausdruck; es war klar, dass er sie noch nicht erkannt hatte und sich fragte, wer da kam. 
Doch als sie nah genug war, erkannte er sie und sein Blick wechselte in Überraschung und Verwunderung.
Adrianas Grinsen wurde noch breiter.
„Hey Lars. Sorry, der Bus hatte Verspätung!“
Er ging nicht auf ihre Entschuldigung ein, sondern sah immer noch überrascht aus: „Wie siehst du denn aus?“
Sie liess sich etwas ausser Atem neben ihm auf die Bank fallen und lachte immer noch; diese Frage hatte sie doch heute auch schon gehört.
„Ich habe ja gesagt, dass ich mich ändern will und das ist mein Anfang.“
„Stimmt schon. Aber damit habe ich echt nicht gerechnet“, gab er zu und fragte neugierig nach: „Warst du heute in der Schule auch schon so angezogen?“
Sie nickte: „Ja, war ich.“
„Und wie haben die andern reagiert?“
„Unterschiedlich.“
Kurz erzählte sie ihm vom Gespräch mit Frau Berger, der ‚Begrüssung’ im Schulzimmer, den Kommentare von Lisa und Tiziana und den verschiedenen Blicke der Mitschüler.
Er schüttelte empört den Kopf: „Das ist mal wieder typisch, da bin ich mal nicht in der Schule und dann passiert so etwas. Schade war ich nicht dabei, hätte Lisa und Tiziana gerne meine Meinung gesagt. Echt, dass ist das erste Mal, dass ich bereue, nicht in die Schule gegangen zu sein.“
Adriana grinste wieder und fügte dann resigniert dazu: „Naja, morgen wirst du sicher auch noch Gelegenheit haben, ihnen deine Meinung zu sagen. Ich bezweifle, dass sie über Nacht beschliessen mich zu mögen.“
„Stimmt, da hast du recht.“
Es schien, als würde er sich schon darauf freuen.
„Wenn Frau Berger nicht Lehrerin wäre, dann wäre sie sogar irgendwie in Ordnung. Die hat mich total richtig eingeschätzt“, brachte er das Thema jetzt auf ihre Lehrerin.
„Ich finde sie trotz dem Lehrer sein okay. Es sollte mehr solche Lehrer geben. Denn sie hat mir echt Mut gemacht.“, erwiderte Adriana.
„Ich finde den Vorschlag von ihr, dass du dir weiterhin einen Ausbildungsplatz zu suchen gut. Dass hätte ich nicht von ihr erwartet.“
„Beim Stichwort ‚Ausbildungsplatz’ fällt mir ein, wieso ich dich heute eigentlich angerufen habe. Dass ist echt komisch. Heute nach der Schule, lag ein Zettel von meiner Mutter auf dem Küchentisch, von wegen es hätte jemand angerufen wegen einem Vorstellungsgespräch. Ich solle so schnell wie möglich zurückrufen. Aber bei der angegebenen Firma hatte ich mich nie beworben, als ich das Missverständnis aufklären wollte, hat der Typ dort gefunden, das könne nicht sein. Und jetzt kann ich mich Freitagnachmittag dort vorstellen gehen“, erzählte sie Lars.
Er sah nachdenklich über den Park und fragte dann: „Wie heisst denn die Firma?“
’Autocenter Hannover West’.“
Adriana beobachtete seine Miene genau, irgendetwas an seinem Verhalten machte sie stutzig, aber sie kam nicht darauf was und wieso.
„Kennst du sie?“
„Ich weiss ungefähr wo sie liegt, aber mehr nicht. Hey, aber das ist doch cool!“, jetzt war er wieder ganz er alte. „Ich würde mir nicht so viele Gedanken machen und einfach mal gehen. Ich kann mir zwar auch nicht erklären, wie die zu deiner Bewerbung kommen, aber am einfachsten findest du es heraus, wenn du gehst. Oder nicht?“
Fragend sah er sie an.
„Wahrscheinlich hast du recht“, stimmte Adriana ihm zu.
„Gut. Weißt du was, dass müssen wir feiern gehen und zwar im ‚Rocks’.“
Damit stand Lars auf, Adriana tat es ihm nach.
„Vielleicht ist sogar Domenico dort und hilft eine Runde Tischfussball.“
Adriana blieb abrupt stehen: „Domenico?“
Sofort war ihr Puls wieder doppelt so schnell.
Er drehte sich langsam um und sah sie erst kritisch an, dann nickte er langsam: „Ach so. Was ist denn mit Janina?“
Ihr entging sein bitterer Unterton nicht und ihr schlechtes Gewissen meldete sich zurück.
„Nichts mehr. Meine Gefühle haben mir da einen Streich gespielt. Wahrscheinlich hat es einfach gut getan, dass sich jemand für mich, nebst dir natürlich, interessiert hat und dass nicht nur, weil ich neu war. Naja, ich weiss, es ist keine Entschuldigung dafür, dass ich mit ihren Gefühlen gespielt und sie verletzt habe.“
Schuldbewusst sah sie zu Boden.
Es dauerte einige Sekunden bis Lars seufzte: „Tja, da kann man ja jetzt wohl nichts mehr machen. Hey, Kopf hoch, dass wird schon wieder. Sie wird sich wieder beruhigen und dann kannst du ihr in aller Ruhe, deine Situation erklären.“
Zwar war sich Adriana nicht so sicher, aber sie lächelte trotzdem.
„So und jetzt lass uns gehen, es wird langsam kalt.“
Kurzerhand schnappte er ihre Hand und zog sie mit.
„Ach ja und wer weiss, so wie du jetzt aussiehst hast du ja Chancen bei Dom. Du bist ja schliesslich nicht so ein Groupie wie alle andern!“
Adriana lachte, Lars war einfach unglaublich.

20.

Im ‚Rocks’ war nicht viel los, als Adriana und Lars eintraten. Nur zwei, drei Tische waren besetzt und vier Typen spielten an einem der Tischfussballstische.
Adriana sah Domenico sofort. Er stand hinter der Bar und schien ziemlich gelangweilt sein. Als er allerdings Lars erkannte, hellte sich seine Miene auf.
„Hey Lars! Du bist echt meine Rettung, endlich habe ich wieder etwas zu tun!“
Lars grinste und schlug in seine entgegen gestreckte Hand ein: „Hey Dom. Freut mich doch immer, wenn ich dir helfen kann.“
Lässig setzte er sich auf einen Barhocker, Adriana blieb unsicher stehen. Sie wusste nicht genau, wie sie Dom begrüssen sollte, da er sie so ja nicht kannte. Zudem spielten ihre Gefühle wieder ziemlich verrückt.
Doch jetzt bemerkte Lars dass sie auch noch da war und stellte sie vor: „Ach ja, das ist übrigens Adriana, eine gute Freundin von mir.“
Mehr sagte er allerdings nicht.
Domenico wandte sich jetzt ihr zu und musterte sie nachdenklich. Adriana fühlte sich nicht ganz wohl dabei.
Ganz plötzlich fragte er: „Kann es sein, dass du einen Zwillingsbruder oder so hast, der Adrian heisst?“
Überrumpelt von dieser Frage sah Adriana erst hilfesuchend zu Lars. Doch dieser blickte in eine andere Richtung und tat so, als gäbe es dort etwas Interessantes zu sehen und er die Frage nicht gehört hätte. Doch Adriana sah sein Grinsen. Sie warf ihm einen bösen Blick zu und antwortete dann leise: „Nein habe ich nicht…“
Sie stockte. Dom fühlte, dass sie noch etwas sagen wollte und sah sie noch neugieriger an.
„Naja, ich war Adrian.“
So, jetzt war es gesagt. Adriana wartete auf einen doofen Spruch oder eine neugierige Frage, doch Dom schwieg. Vorsichtig blickte sie auf. Er sah sie immer noch mit diesem nachdenklichen und neugierigen Blick an, wie vor seiner Frage. Dann lächelte er leicht.
„Okay, wenn das so ist, kennst du mich ja bereits.“
Er hielt auch ihr seine Hand zum Gruss hin, in die sie jetzt erleichtert, aber auch verwirrt, einschlug. Eine solche Reaktion hätte sie von ihm nicht erwartet.
„Also, was darf ich euch bringen?“
„Für mich ein Bier“, antwortete Lars, der sich wieder ihnen zugewandt hatte.
„Für mich auch.“
Domenico nickte und ging davon, um das Gewünschte zu holen.
„Danke für vorhin! Du hättest mir auch etwas mehr zur Seite stehen können, anstatt doof zu grinsen“, zischte Adriana Lars zu.
Aber er grinste nur frech: „Ach, du hast das doch gar nicht mal so schlecht hinbekommen. Und Dom hätte es früher oder später eh erfahren, also wieso nicht jetzt?“
Adriana musste Lars Recht geben, es war sicher besser, Dom hatte es direkt von ihr erfahren, als von jemand anderem, und trotzdem ärgerte es sie. Doch für Lars war das Thema bereits wieder abgehackt und so lies sie es bleiben.
Dom kam mit den zwei Bieren zurück, die sie bezahlten und prosteten sich dann zu.
„Hast du zeit eine Runde Tischfussball mit uns zu spielen?“, fragte Lars ihn. Zur selben zeit öffnete sich allerdings die Türe erneut und eine Gruppe Mädchen trat kichernd ein. Es war klar, dass sie nur wegen Domenico hierhin kamen. Diese verdrehte die Augen.
„In den nächsten paar Minuten wahrscheinlich nicht. Aber sobald ich einige Minuten habe, komme ich.“, mit diesen Worten schnappte er sich ein Tablett und schlenderte zum Tisch, an den sich die Mädchen gesetzt hatten, um ihre Bestellung aufzunehmen.
So nahmen die zwei ihr Getränk und gingen zu einem der Fussballtische.
Doch Adriana konnte sich nicht wirklich auf das Spiel konzentrieren. Im Augenwinkel beobachtete sie Domenico, der die Bestellung aufnahm, hinter die Theke ging um die Getränke zu holen und sie anschliessend an den Tisch zurück brachte.
Deshalb war sie auch 5:0 im Rückstand, als Domenico sich zu ihnen gesellte.
„Wie ich sehe, könntest du etwas Hilfe gebrauchen“, stellte er grinsend fest und stellte sich neben sie. „Dann wollen wir Lars mal zeigen, dass wir immer noch ein ‚Dreamteam’ sind!“
Adrianas Puls war sofort doppelt so schnell.
Aber trotz Domenicos Hilfe, siegte am Ende Lars, was die beiden allerdings nicht auf sich sitzen lassen konnten. So gab es Revanche, bei der Adriana sogar alleine ein Tor schoss, da Dom ab und zu weg musste, um eine Bestellung aufzunehmen oder um einzukassieren, wenn jemand bezahlen wollte.
So verging die Zeit wie im Flug und Domenico hatte Feierabend. Da es auch für Adriana und Lars zeit wurde, schlenderten sie zusammen zur Bushaltestelle.
Die zwei Jungs erzählten Adriana auf dem Weg dorthin von ihren Streichen, die sie zusammen in ihrer gemeinsamen Schulzeit ausgeheckt hatten. Schon Lars Erzählungen alleine waren witzig, aber dann noch die trockenen Kommentare von Domenico dazu, das war einfach zu viel. Adriana konnte fast nicht mehr vor Lachen.
„Ach ja, das waren noch Zeiten“, seufzte Lars etwas wehmütig.
Adriana spürte auf einmal einen dicken Kloss im Hals, sie vermisste auf einmal ihre alte Klasse wieder.  Da war es meistens auch lustig zu und her gegangen. Sie verdrängte das Gefühl aber schnell wieder: Sie hatte jetzt beschlossen, hier glücklich zu sein und eigentlich war das Leben hier ja gar nicht mal so schlecht!
Die beiden liessen ihr auch nicht viel Zeit um Trübsal zu blasen, denn sie erzählten jetzt von Partys, die sie zusammen schon erlebt hatten.
Mittlerweile waren sie bei der Bushaltestelle angekommen und setzten sich auf die Bank im Wartehäuschen. Während sie redeten, spürte Adriana immer wieder Domenicos Blick auf sich, konnte ihn allerdings nicht ganz deuten. Einerseits war er immer noch neugierig, aber es lag noch etwas anderes darin. Sie kam nicht darauf was es war. Auf jeden Fall machte er sie nervös und sie senkte immer verlegen den Kopf.
„Hey, da kommt unser Bus“, rief Dom auf einmal. „Oder nimmst du nicht auch den?“
Verwirrt sah er Adriana an, da sie etwas verspätet reagierte.
„Doch, doch, ich nehme auch den.“, antwortete sie, umarmte Lars kurz zum Abschied und stieg dann schnell ein. Dom gab Lars einen Handschlag und folgte ihr hinein.
Sie liessen sich in ein Viererabteil fallen und Adriana hatte eine Art Dejà-vu: vor einigen Tagen waren sie auch zusammen im Bus gesessen. Allerdings hatte Domenico sie da noch als Adrian gekannt.
Es schien als würde er etwa dasselbe denken, denn er sah nachdenklich aus dem Fenster. Erst sagte keiner der Beiden ein Wort, dann brach er das schweigen: „Darf ich fragen, wieso du dich als Junge ausgegeben hast?“
Adriana rutschte unruhig auf ihrem Sitz herum und wusste erst nicht was sagen, doch entschloss sie sich schliesslich für die Wahrheit und erzählte ihm in kurzen Worten, wie sie in ihrer früheren Klasse, die andern für komisch gehalten hatten, weil sie kein typischen Mädchen gewesen war und sie keine Lust gehabt hatte, dies noch mal zu erleben.
„… und irgendwie war es auch eine Art Rebellion gegenüber meinen Eltern, um zu zeigen, dass ich mit ihren Entscheidungen nicht einverstanden war“, endete sie.
Er hatte nachdenklich zugehört und zwischendurch kurz genickt.
„Hat es Lars vorher schon herausgefunden oder hatte er auch keine Ahnung?“, wollte er dann wissen.
„Er hat es schon am ersten Tag herausgefunden. Ihn konnte ich nicht so leicht täuschen. Vor allem war das bei uns sowieso eine Art ‚Freundschaft auf den ersten Blick’, wenn man das so sagen kann“, lächelte sie.
„Wie haben denn die anderen Reagiert, als sie es erfahren haben? Und wieso hast du dich den entschlossen, dich wieder als Mädchen zu kleiden?“, fragte er neugierig weiter, lenkte dann aber schuldbewusst wieder ein. „Sorry, du musst sonst nicht erzählen, es geht mich ja eigentlich nichts an.“
Aber Adriana winkte ab: „Schon okay.“
So erzählte sie ihm vom Streit mit Lars am Vortag und ihrem Entschluss in der Nacht, wieder ein Mädchen zu sein und zu dem ganzen zu stehen.
Er sah sie bewundernd an: „Echt cool! Naja vielleicht der Streit nicht, aber deine Entscheidung schon.“
Sein Lächeln lies Adriana erröten und sie senkte verlegen den Kopf.
„Mist, jetzt habe ich doch glatt meine Haltestelle verpasst!“
Domenicos ärgerliche Stimme lies sie wieder aufsehen.
„Naja, dann steige ich halt mit dir aus und laufe zurück. Ist ja nicht so weit“, stellte er resigniert fest und grinste Adriana an.
Sie grinste zurück und drückte den Halteknopf.
„Sonst verpassen wir diese Haltestelle auch noch und müssen noch weiter zurück laufen.“

Als sie ausgestiegen waren, blieben sie an der Halte stelle stehen, da Adriana in eine andere Richtung musste als Domenico.
„Dann wünsche ich dir noch einen schönen Abend und ich denke, ich bediene dich sicher bald wieder im ‚Rocks’“, lächelte er.
„Ganz bestimmt“, versicherte ihm Adriana. „Wünsche dir auch noch einen schönen Abend und komm gut nach Hause.“
Sie wollte ihm die Hand zum Gruss hinstrecken, doch er beugte sich hinab und gab ihr sanft drei Küsse auf die Wangen.
„Tschüss.“
Verwirrt blieb Adriana stehen, als er davon ging.

21.

Verträumt betrat Adriana am nächsten morgen das Klassenzimmer. Lars sah ihr mit einem wissenden Grinsen entgegen.
„Guten Morgen. So wie es aussieht ist da gestern noch etwas passiert?!“, begrüsste er sie.
Adriana spürte wie sie rot wurde und blickte verlegen zu Boden. Sie hatte lange wach gelegen und überlegt, ob diese drei Küsse auf die Wange jetzt nur freundschaftlich gewesen waren oder sogar etwas mehr. Bei der Vorstellung, es könnte mehr dahinter stecken, klopfte ihr Herz wieder ziemlich wild.
„Jetzt würde ich aber auch gerne wissen, was da zwischen dir und Domenico passiert ist? Träumen kannst du auch noch im Unterricht!“, zog sie Lars auf.
Adriana schreckte auf: „Sorry! Also eigentlich ist nichts passiert, er hat mir nur drei Küsse auf die Wange gegeben zum Abschied. Oh, und guten Morgen überhaupt.“
„Hey, aber das heisst schon mal, dass er dich mag. Von Dom erhält nicht jedes Mädchen diese drei Küsse.“
Adriana hatte sich inzwischen hingesetzt, aber ehe sie etwas erwidern konnte, stand Tiziana vor ihnen: „Ihr redet doch nicht etwa von Domenico von ‚Revonnah’?“
Abschätzig sah sie vom einen zum andern.
„Doch, zufälligerweise schon“, antwortete Lars sofort.
Lisa, die hinter Tiziana aufgetaucht war, verzog das Gesicht zu einer entsetzen Grimasse: „Was will den Domenico mit SO EINER wie DER DA?!“
Etwas verärgert hob Lars eine Augenbraue.
„DIE DA hat auch einen Namen und heisst Adriana! Und Schönheit ist immer relativ! Auch Charakter gehört dazu! Und wenn man es so sieht, muss ich euch leider sagen, dass ihr potthässlich seid! Und es könnte sein, dass das ja Dom ähnlich sieht wie ich.“
Jetzt grinste er wieder frech, während ihn Tiziana und Lisa empört ansahen.
„Ach ja und im Gegensatz zu euch hat Dom Adrianas Verwandlung ziemlich locker aufgenommen und vor allem auch akzeptiert. Das sagt auch etwas über den Charakter aus!“
„Du hast ja keine Ahnung“, beleidigt wandte sich Lisa ab.
Tiziana war Lars noch einen bösen Blick, zur Bestätigung der Worte ihrer Freundin, zu und stolzierte ihr dann hinter her.
Lars schüttelte nur lachend den Kopf: „Es macht doch immer wieder Spass, die zwei zu nerven!“
„Und weißt du was, es tut ebenfalls gut, so einen Kollegen wie dich zu haben!“
„Danke! Aber jetzt würde ich gerne wissen, was gestern noch alles gelaufen ist?!“, fragte er frech.
Verlegen senkte Adriana den Kopf, dann erzählte sie ihm kurz von ihrem Gespräch im Bus und wie Dom seine Haltestelle verpasst hat, so dass es zu diesen drei Küssen kam.
Lars konnte aber nichts mehr antworten, denn jetzt betrat ihre Französisch-Lehrerin die Klasse und begann mit dem Unterricht: „Bonjour mes dames et messieurs. Au début, vous écrivez l’épreuve et après…“
Mehr verstand Adriana nicht mehr. Entsetzt starrte sie die Lehrerin an, den Test hatte sie ja ganz vergessen. Obwohl, sie hatte in den letzten Tagen echt genug um die Ohren gehabt, da hätte lernen sowieso nicht auch noch Platz gehabt, und Franz schon gar nicht. Allerdings viel schlimmer konnte es nicht mehr werden, sie hatte schon die ersten zwei Tests in den Sand gesetzt und war auf einer knappen Vier. Viel schlechter konnte sie also nicht mehr werden.
Sie seufzte und sah zu Lars hinüber. Dieser sah nicht weniger genervt aus, da er von dieser Sprache ebenfalls nicht viel verstand.
„Viel Glück.“
„Danke ebenfalls.“

Adriana versuchte das Beste aus dem Test zu machen, allerdings war das nicht so einfach, wenn man absolut keine Ahnung hatte.
Sie schrieb zwar überall etwas, wusste aber jetzt schon, dass das Meiste nicht stimmen konnte. So bestand aber immerhin eine kleine Chance.
Sie legte den Kugelschreiber weg und sah zu Lars, dessen geringes Wissen schon ausgeschöpft zu sein schien. Er starrte Löcher in die Luft und man sah ihm an, dass er mit den Gedanken weit weg war. Adriana hatte ihn selten so nachdenklich und irgendwie auch traurig erlebt.
Ihr schlechtes Gewissen meldete sich wieder. Sie musste sich eingestehen, dass er nicht schlecht zu Janina gepasst hätte. Zwar war sie nicht so ausgeflippt wie er, mit seinen meist zerrissenen Jeans, dem Nietengürtel und den Nietenbänder, den Band-Shirts, die er immer trug und den schwarz gefärbten Haaren, die seit neustem blonde Spitzen hatten und in alle Richtungen abstanden. Dennoch würden die beiden zusammen passen.
Aber das hatte sie, Adriana, kaputt gemacht, dabei hätte sie es Lars gegönnt, wenn er eine Freundin gefunden hätte, wie Janina eine war.
Adriana seufzte, was Lars zu ihr sehen lies. Allerdings bezog er den Seufzer auf den Test, da er ja ihre Gedanken nicht lesen konnte und verdrehte die Augen. Sie zuckte mit den Schultern, was ein ‚Was solls?!’ symbolisierte. Dann warf sie ihren Kugelschreiber in ihr Etui und stand auf. Lars tat es ihr gleich und hintereinander liefen sie nach vorne, wo sie den Test auf das Lehrerpult legten. Die Lehrerin sah sie mit einem missbilligen Blick an, da alle anderen noch am schreiben waren, und sah nur kurz auf die beiden Tests, dann schüttelte sie den Kopf. Es war klar, dass wenn Adriana und Lars den Test zurückbekommen würden, eine Standpauke zu hören bekamen, wieso sie nicht mehr gelernt hätten. Vor allem Adriana warf die Lehrerin immer vor, wieso sie nicht besser Französisch könne, wenn es doch eine Landessprache der Schweiz sei. Doch diese konnte nur den Kopf darüber schütteln, das war noch lange kein Grund Franz zu können und vor allem auch zu mögen.
Gemeinsam verliessen die beiden das Schulzimmer und schlugen den Weg zur Cafeteria ein. Die anderen würden noch mindestens 20 Minuten am Test schreiben, so lange hatten sie also Pause.

 

22.

Die Cafeteria war bis auf die zwei Verkäuferinnen, die hinter der Theke miteinander redeten, leer, als Adriana und Lars eintraten.
„Wie hat eigentlich deine Mutter reagiert, als sie dich gestern gesehen hat?“, fragte Lars, während er die Sandwichs studierte.
„Ach, sie hat mich ganz entsetzt angesehen und mir gesagt, dass ich mich sofort wieder als Junge verkleiden soll, weil ich in diesen Klamotten besser aussehen würde“, erwiderte Adriana.
„Was jetzt, echt??“
Lars blickte geschockt auf. Als er allerdings ihr Grinsen sah, wandte er sich resigniert wieder den Sandwichs zu: „Ach so, das war ein Witz.“
Adriana lachte und antwortete dann ernsthaft auf seine Frage: „Sie war ziemlich überrascht, aber diesmal positiv. Viel hat sie allerdings nicht gesagt, nur gefragt, ob ich mich von jetzt an wieder immer so kleide. Was ich bejahen konnte.“
Lars nickte nur. Adriana spürte, dass er ihr zwar zugehört hatte, mit den Gedanken aber anschliessend abgeschweift war.
Sie zuckte mit den Schultern und ging zum Gestell, auf dem die Schokoriegel und sonstigen Süssigkeiten waren. Nach kurzem Überlegen entschied sie sich für ein ‚Mars’ und drehte sich wieder zu Lars um.
Dieser starrte immer noch gedankenverloren auf die Brote.
„Hey, erzählen dir die Sandwichs so etwas Interessantes oder kannst du dich einfach nicht entscheiden, welches du nehmen willst?“
Adriana grinste frech zu ihm hinüber.
Er schreckte auf und grinste dann auch: „Erzählen tun sie mir nicht, aber sie lachen mich alle so freundlich an, so dass ich mich nicht entscheiden kann. Aber ich glaube ich nehme das!“
Er schnappte sich eines mit Salami und kam zu ihr hin geschlendert. Gemeinsam stellten sie sich zur Kasse.
Etwas genervt, weil die beiden sie bei ihrem Gespräch unterbrochen hatten, kam eine der Verkäuferinnen und sie bezahlten.

„Weißt du eigentlich wie ich zu diesem Autocenter komme?“, fragte Adriana als sie die Cafeteria verliessen und über den Pausenplatz zum Schulhaus zurückgingen.
„So viel ich weiss kannst du die Buslinie 11 nehmen. Und die 13 fährt glaub’ ich auch dort vorbei. Wann hast du das Vorstellungsgespräch?“
„Freitag um 15:00. Also gleich nach der Schule.“
„Gut. Wenn du willst komme ich sonst mit?“
Fragend sah er sie an.
„Das wäre echt cool.“
Heimlich hatte sie gehofft, er würde anbieten mit zu kommen, selbst zu fragen hätte sie sich nämlich nicht getraut.
„Mit rein komme ich allerdings nicht. Aber das schaffst du auch alleine. Ich gehe dann ins ‚Rocks’. So können wir gleich feiern. Wer weiss, vielleicht ist es ja auch in der Liebe dein Glückstag.“
Er grinste frech.
„Und vielleicht ist es auch mein Pechstag, würde mich ja nicht verwundern.“
Adriana verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
„Jetzt denk nicht so negativ! Du wirst diesen Chef total überzeugen.“
„Aber was ist, wenn doch noch raus kommt, dass diese Bewerbung gar nicht von mir ist. Ich kann mir immer noch nicht erklären, wie er die erhalten hat.“
Lars verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
„Freue dich doch einfach, dass du ein Vorstellungsgespräch hast, wieso ist doch total unwichtig. Und jetzt denk positiv!“
Gespielt streng sah er sie an. Das sah so lustig aus, dass sie lachen musste.
„Okay, ist gut. Ich werde mir Mühe geben und das ganze positiv ansehen“, versprach sie.
„Gut“, grinste er wieder und knuffte sie freundschaftlich in die Seite.

Als Adriana am Freitagmorgen das Schulzimmer betrat, war Lars noch nicht da. Mit den Gedanken schon beim Nachmittag, setzte sie sich gedankenverloren hin und räumte die Schulbücher für die erste Lektion aus ihrem Rucksack. Immer wieder überlegte sie, was Herr Schneider für Fragen stellen würde und was sie am besten darauf antworten sollte.
Sie bemerkte gar nicht, dass auf einmal Lisa und Tiziana vor ihrem Pult standen.
„Hast du dich wieder mit Lars gestritten, dass er noch nicht da ist?“
Lisa sah sie gespielt mitleidig an.
„Oder hat er einfach mal wieder beschlossen die Schule zu schwänzen und lässt dich hier ganz einsam und alleine?“, ergänzte Tiziana.
„Weder noch“, Lars tauchte hinter den beiden auf, bevor Adriana etwas antworten konnte. „Ich wurde von einem coolen Typen, auf den alle Mädels abfahren, aufgehalten und wurde von ihm beauftragt einem coolen Mädchen viel Glück zu wünschen und ihr mitzuteilen, dass sie am Abend unbedingt im ‚Rocks’ vorbei kommen soll, damit er ihr persönlich gratulieren kann.“
Er grinste Adriana an.
„Ach ja, und das hier ist auch noch von Dom, die sollen dir auch Glück bringen.“
Damit beugte er sich zu ihr hinunter und gab ihr drei Küsse auf die Wange.
„Dom?“
„Für was braucht die Glück?“
Lisa und Tiziana starrten Adriana sichtlich neidisch und empört an. Diese sah immer noch Lars total perplex an, dann faste sie sich wieder und lächelte leicht.
„Danke. Wo hast du ihn den getroffen.“
„Vorhin am Bahnhof, deshalb bin ich auch erst jetzt hier“, erklärte er.
„Würdet ihr unsere Fragen beantworten?!“, mischte sich Tiziana genervt ein.
„Ja, wir wollen wissen was hier los ist.“
„Ich habe heute ein Vorstellungsgespräch bei einer Autogarage und wenn ihr ganz viel Glück habt, dann seit ihr mich bald los!“, beantwortete Adriana die Frage und fügte leiser hinzu: „Und ich euch auch.“
Lars lachte: „Hoffen wir’s.“
„Aber diese Glückwünsche sind nicht wirklich von Domenico?“ hackte Lisa eifersüchtig nach.
„Zufälligerweise doch. Ich habe euch ja gesagt, er gehört zu den Männern denen das Innere wichtiger ist als das Äussere“, hielt Lars ihnen vor.
„Das werden wir ja sehen.“
Lisa sah ihn wütend an, dann stolzierte sie, wie schon beim letzten Mal nach vorne. Tiziana folgte ihr nachdem auch sie ihm und Adriana einen bösen Blick zugeworfen hatte.

23.

Die Zeit verging wie im Flug und schon bald läutete es zum Ende ihrer letzten Lektion.
Nervös packte Adriana ihre Sachen zusammen und lies prompt ein Buch fallen.
„Alles in Ordnung?“
Frau Berger sah sie besorgt an.
„Geht so. Habe heute Nachmittag ein Vorstellungsgespräch und bin nervös.“
„Ah, schön. Dann wünsche ich dir viel Glück. Das wird schon gut gehen.“
Sie lächelte Adriana aufmunternd zu.
Lars, der seine Sachen schneller zusammen gepackt hatte und schon zum Schulzimmer raus war, streckte den Kopf wieder zur Türe rein: „Kommst du?“
„Jaja, nur keinen Stress“, antwortete sie ihm und an Frau Berger gewandt: „Danke. Ich werde Sie am Montag darüber informieren, wie es gelaufen ist.“
Sie wünschten sich ein schönes Wochenende und Adriana folgte Lars zur Tür hinaus.
Unterwegs zum Bus erzählte Lars von seiner neuen Idee für einen Song.
„Es ist total doof, ich weiss über was ich schreiben will, den Refrain habe ich bereits. Aber für die Strophe finde ich einfach nicht die richtigen Worte. Dafür habe ich den Refrain auch schon vertont und ungefähr aufgeschrieben. Je nach dem kannst du das Wochenende mal vorbei kommen, dann spiele ich ihn dir vor.“
Adriana bemerkte wieder einmal die Faszination und das Strahlen in seinen Augen, wenn er von der Musik sprach. Sie bedauerte, dass er selbst keine Band hatte, denn seine Songs waren zum Teil echt super. Aber ihm schien das nicht viel auszumachen; Hauptsache er konnte schreiben.
Je näher sie der Autowerkstatt kamen, desto nervöser wurde Adriana und sie rutschte unruhig auf ihrem Sitz herum.
„Jetzt mach dich nicht selbst verrückt. Du schaffst das schon“, sprach ihr Lars Mut zu.
Adriana lächelte nur schwach.
„Soll ich hier in der Nähe warten oder im ‚Rocks’?“
„Im ‚Rocks’“, entschied Adriana.
„Gut, dann kann ich bis zum Westbahnhof fahren und dort umsteigen. Und du solltest an der nächsten Haltestelle aussteigen.“


Mit klopfendem Herzen betrat Adriana das Werkstattbüro.
Durch eine Glasscheibe sah sie in die Werkstatt, in der ungefähr ein halbes Dutzend Mechaniker arbeiteten. Sofort stieg ein vertrautes Gefühl in ihr auf.
„Guten Tag. Was kann ich für sie tun?“
Der Werkstattchef trat an die Theke.
„Guten Tag. Ich habe ein Vorstellungsgespräch bei Herrn Schneider.“
„Ah, dann bist du Adriana. Ich bin Herr König, der Werkstattchef und Lehrlingsbetreuer.
Er gab ihr die Hand.
„Wir gehen am besten gleich durch die Werkstatt, dann bekommst du einen ersten, kleinen Eindruck, wie es zu und her geht.“
Er öffnete die Türe und ging voraus. Adriana folgte ihm.
Ein bekannter Geruch von Abgasen, Motorenöl und Benzin schlug ihr entgegen. Dazu kamen die Geräusche, von einer Ecke her hörte man einen Schlagschrauber, in einer anderen Ecke suchte jemand nach dem passenden Werkzeug in seiner Kiste und von einem dritten Ort hörte man ein Fluchen. Adriana schmunzelte; so hatte es in ihrer Werkstatt auch ab und zu getönt.
Sie fühlte sich sofort heimisch.
Die Arbeiter sahen sie interessiert an, aber wahrscheinlich dachten sie, dass Adriana eine Kundin sei, die ihr Auto gebracht hat.
Am Ende der Werkstatt war eine Tür, die in den Ausstellungs- und Verkaufsraum führte.
Herr König führte sie zu einer offenen Bürotüre und klopfte an den Türrahmen.
„Ja?“
Adriana erkannte die Stimme sogleich.
„Adriana ist da.“
Sie hörte wie jemand von einem Stuhl aufstand.
Kurz darauf erschien Herr Schneider. Er war Adriana auf den ersten Blick sympathisch.
Er war um die 50, normal gross, hatte einige graue Haare in seinen Haaren, die sonst braun waren, ein nettes Lachen und blaue Augen.
Er musterte sie mit einem interessierten und etwas forschenden Blick. Dieser Blick erinnerte Adriana an jemanden, aber sie konnte nicht sagen an wen.
„Hallo Adriana.“
Herr Schneider gab ihr zur Begrüssung die Hand und bat sie anschliessend in sein Büro.
„Möchtest du etwas trinken? Kaffee oder lieber Wasser?“
„Ein Glas Wasser gerne.“
Während sie sich setzte, verschwand er und kam kurze Zeit später mit einem Glas Wasser für sie und einem Kaffee für sich zurück.
„So, dann fangen wir mal an. Schön hat es so schnell geklappt mit dem Gespräch. Kommst du direkt aus der Schule?“
„Ja, wir hatten bis viertel nach Zwei Schule. Und anschliessend bin ich direkt hier hin gefahren.“
„Und, magst du die Schule?“
„Geht so, kommt auf das Fach an.“
„Und welches Fach magst du gerne und welches nicht?“
„Physik und Mathe mag ich gerne, Französisch weniger und mit Sport kann ich auch nicht viel anfange. Ich bin nicht so sportlich und Mannschaftssportarten wie Fussball sind nicht so mein Ding.“
Herr Schneider lachte nur.
„Aber in Physik und Math bist du gut?“
„Ja, war auch in der Berufsschule immer so. Was mit Formeln ohne Ausnahmen zu tun hat, kann ich gut.“
„Sehr gut. Allerdings habe ich das auch schon deinem Zeugnis von der Schule entnommen. Ausserdem habe ich mit deinem Fachschullehrer gesprochen und mit deinem ehemaligen Chef. Sie haben nur Gutes über dich erzählt, lassen dich beide herzlich grüssen und wünschen dir viel Glück, die Ausbildung hier zu beenden.“
„Oh, danke vielmals. Naja, ich hoffe mal, dass ich einen neuen Ausbildungsplatz finden werde. Ist leider gar nicht so einfach. Bis auf hier konnte ich mich noch nirgends vorstellen gehen.“
Jetzt fiel Adriana wieder ein, dass sie sich bei dieser Firma ja gar nie beworben hatte: „Aber ich verstehe immer noch nicht, wie meine Unterlagen zu ihnen gekommen sind. Ich kann mich nicht erinnern, diese Ihnen einmal geschickt zu haben.“
Er lächelte nur geheimnisvoll.
„Du hast Recht, ich habe die Unterlagen nicht von dir erhalten, aber diese Person wird sich schon selbst bei dir melden. Ich darf es dir leider nicht sagen. Allerdings kann ich sagen, dass es ein echter Glücksfall ist, diese Bewerbung von dir erhalten zu haben, wir haben nämlich auf Anfangs nächstes Jahr einen neuen Mitarbeiter gesucht und in deinem Fall wird es jetzt halt eine Mitarbeiterin.“
Adriana sah ihn erst einmal einige Minuten sprachlos an.
„Wie meinen Sie das?“
„Wenn du willst, darfst du einige Tage bei uns Arbeiten kommen, so als Praktikum, so dass wir sehen können, wie du arbeitest und du kannst schauen, ob dir unser Team und die Werkstatt gefällt. Und wenn es für beide Parteien stimmt, wo ich nicht grosse Zweifel habe, kannst du im Januar, wenn das Semester fertig ist, anfangen. Einverstanden?“
Herr Schneider sah Adriana erwartungsvoll an.
Diese wusste erst einmal nicht was sagen. Schliesslich stammelte sie: „Danke vielmals. Das ist super.“
Dazu strahlte sie übers ganze Gesicht.
„Gut, dann würde ich sagen, du vereinbarst am besten mit Herr König, wann es am besten ist, für die paar Tage Praktikum und ich sehe dich dann.“
Er erhob sich und Adriana stand ebenfalls auf.
Nach dem er sie nach vorne ins Werkstattbüro begleitet hatte, verabschiedete er sich von ihr und verschwand wieder in seinem Büro.
Als Adriana einige Minuten später die Werkstatt verliess, konnte sie ihr Glück kaum fassen.

24.

Als Adriana einige Zeit später das ‚Rocks‘ betrat, strahlte sie immer noch über das ganze Gesicht. Lars sass wie immer an der Bar. Er trommelte nervös auf die Theke und schien ganz in Gedanken versunken.
„Hey.“
Adriana setzte sich neben ihn auf den Barhocker und versuchte nicht zu sehr zu lachen.
„Hey. Und wie ist es gelaufen?“
Lars sah sie neugierig an.
Sie konnte nun ihr Lachen nicht mehr verstecken und strahlte wieder.
„Es ist einfach super gelaufen. Dieser Herr Schneider ist total nett und ich kann einige Tage Praktikum in der Firma machen und wenn ich mich da gut anstelle und es mir auch gefällt, habe ich den Job!“, erzählt sie ihm ganz aufgeregt.
Doch auf einmal stockt sie, die Art wie er sie ansieht und ihr zuhört erinnert sie ganz stark an jemanden, so wurde sie doch heute auch schon angesehen.
Aber ehe sie etwas sagen konnte, trat Dom zu ihnen. Da er ihr Lachen gesehen hatte, fragte er gar nicht gross, wie es gelaufen war, sondern hielt ihr über die Theke die Hand hin und gratulierte.
„Danke. Aber ganz sicher ist es noch nicht, ich muss mich erst beim Praktikum noch gut anstellen.“
„Ach, das wirst du auch schaffen.“
Dom strahlte sie an.
„Was möchtest du trinken? Ich gebe zur Feier des Tages einen aus.“
Sie entschied sich für ein Bier und eine Minute später stiessen sie zu dritt an.
Leider hatte Dom nicht viel Zeit, denn das ‚Rocks‘ hatte sich jetzt mit Schülern und Studenten gefüllt, die er bediente.
Adriana achtete nicht so darauf, wer alles eintrat, denn mittlerweile waren Lars und sie am Tischfussball spielen und sie erzählte dabei vom Gespräch mit Herr Schneider und dem Gefühl wieder einmal in einer Werkstatt gewesen zu sein.
So bemerkte sie Lisa und Tiziana auch erst, als diese neben ihr standen.
„Und, sind wir dich bald los?“
„Oder müssen wir dich noch länger ertragen?“
Die beiden ergänzten sich wieder einmal perfekt, sowohl im Sprechen wie auch in ihrem Stil sich zu stylen. Beide trugen nämlich einen kurzen Minirock und ein knallenges Top, das sich nur in den Farben unterschied: das von Tiziana war pink und das von Lisa türkis. Zudem waren beide stark geschminkt und hatten sie sich beide fast gleich frisiert: beide hatten eine Seitenscheitel und leichte Locken, obwohl sie sonst glatte Haare hatten.
„Ertragen müsst ihr mich noch, aber wahrscheinlich nur noch bis nach Weihnachten, dann sind wir einander los“, klärte sie die beiden auf.
„Aber so wie es scheint habt ihr mich schon vermisst oder wieso seid ihr freiwillig hier? Oder habt ich das letztens falsch verstanden als ihr erklärt habt, das ‚Rocks‘ sei nur für Loosers?“
„Dich würden wir wahrscheinlich als letztes vermissen!“, erklärte ihr Lisa hochnäsig.
„Wir sind wegen Dom hier. Wäre ja gelacht, wenn er jetzt nicht auf uns abfahren würde.“
Damit stolzierten sie zur Bar und setzten sich auf die Barhocker. Dies schien gar nicht so einfach zu sein mit dem Minirock. Adriana und Lars sahen ihnen amüsiert zu, wie sie die Röcke ordneten, damit man nichts sah und sie bequem sitzen konnten.
„Ich bezweifle ja, dass hier sich hier drin jemand freiwillig mit ihnen abgibt.“
Lars schüttelte nur den Kopf und sie spielten weiter.
„Was wollen denn die hier?“
Dom war neben ihnen aufgetaucht und musterte die beiden Neuangekommenen an der Bar abschätzig.
„Von dir bedient werden, schätze ich mal“, antwortete Lars ihm.
Dom seufzte.
„Wenn es sein muss. Dafür habe ich wahrscheinlich nachher Zeit mir euch eine Runde zu spielen, im Moment sind alle bedient und sonst sehe ich es ja.“
„Trifft sich gut, wir sind gleich fertig, dann warten wir auf dich, bis wir ein neues Spiel beginnen.“
Dom machte das Daumen-hoch-Zeichen im Weglaufen und verschwand hinter der Bar.
„Was hättet  ihr gerne?“
Dom bediente sie wie jeden normalen Gast auch, dies beruhigte Adriana, die gespannt zusah, ungemein. Dafür kassierte sie prompt ein Tor.
„Konzentrier dich lieber auf das Spiel anstatt hübschen Jungs nach zu sehen“, feixte Lars.
„Ach, es war der letzte Ball und ich habe trotzdem gewonnen“, triumphierte sie und wandte sich dann wieder gespannt Richtung Bar.
Dort hatten sich die beiden Tussis immer noch nicht entscheiden können, welches Getränkt sie wollten und flirteten Dom an, in dem sie ihn fragten, was er ihnen empfehlen würde.
Dieser war allerdings eher genervt. Als sie sich nach fünf Minuten noch entschieden hatten, sagte er höflich, aber bestimmt: „Hört mal, ich wäre echt froh, wenn ihr dieses Theater lassen würdet und mir dafür sagen würdet, was ihr trinken wollt. Adriana und ich haben nämlich noch ein Revanche-Spiel gegen Lars offen und ich möchte das heute noch anfangen. Mit Lars und vor allem mit Adriana zu spielen ist lange nicht so kompliziert, wie eure Bestellung auf zu nehmen.“
Das hatte gesessen. Lisa und Tiziana sahen Dom erst einen Moment sprachlos an, dann standen sie beide auf und verliessen ohne ein Wort zu sagen das Lokal.
Dom atmete auf und kam zu Adriana und Lars.
„Haben die jetzt echt das Gefühl gehabt, ich hätte Lust mit ihnen zu flirten? Ich verstehe echt nicht, was manche Männer an solchen Frauen finden. Mich nerven sie einfach nur.“
Dom schüttelte den Kopf und stellte sich neben Adriana.
„So, aber jetzt kommt das, worauf ich mich schon den ganzen Nachmittag gefreut habe. Wir beide gegen Lars, der sich warm anziehen sollte. Oder was findest du?“
Dom grinste Adriana an.
Deren Herz klopfte noch wilder als vorher und sie brachte nur ein ‚Ja, klar‘ heraus.

25.

Die Zeit verging wie im Flug. Adriana erschrak als sie auf die Uhr sah.
„Mist, ich muss nach Hause. Wenn ich meinen Eltern eröffnen will, dass ich die Schule schmeissen will, sollte ich wenigstens dafür sorgen pünktlich zuhause zu sein.“
„Hat was“, Lars grinste und ergänzte: „Ich sollte eh auch mal nach Hause.“
Da Dom wieder hinter der Theke stand, weil neue Gäste gekommen waren und er diese gerade bediente, winkten sie ihm nur von weitem zum Abschied zu.  Als er zurückwinkte und Adriana anlachte, klopfte ihr Herz wieder wie verrückt und sie konnte nicht anders als zurückzulachen. Lars stand daneben und grinste breit.
„Dich hat es voll erwischt. Und ihn auch.“
„Ach was!“ Adriana machte eine abwehrende Bewegung. „Wieso sollte er auf mich stehen?“
„Vielleicht, weil er auch so gestrahlt hat wie du und weil er Tiziana und Lisa eine Abfuhr erteilt hat und statt dessen lieber mit dir Tischfussball gespielt hat?“
Adriana konnte nicht mehr darauf eingehen, denn sie sah wie ihr Bus an der Haltestelle hielt.
Schnell umarmte sie Lars und mit einem flüchtigen ‚Tschüss‘ rannte sie zum Bus. Im letzten Moment konnte sie noch einsteigen und lies sich schwer atmend auf den nächst besten Sitz fallen.
Mittlerweile war es Winter geworden und über Nacht war der erste Schnee gefallen. Adriana hatte schon in der Schweiz den Winter, die Kälte und den Schnee nicht so sehr gemocht, aber hier mochte sie ihn noch weniger. Da sie ja eher auf dem Lande gewohnt hatte, war alles weiss gewesen, die Bäume, die Wälder, Häuser und Gärten. Hier in der Stadt verwandelte sich der Schnee auf den Strassen und Trottoiren sofort in Matsch, von den Abgasen grau-schwarz gefärbt. Ausserdem passte er nicht in das hecktische Treiben auf den Strassen, mit den vielen Leuten und Fahrzeugen. In ihrem Quartier sah es schon schöner aus, aber trotzdem mochte sie den Schnee nicht. Sie freute sich einzig darauf, am Wochenende in den Park gehen zu können. Dort ähnelte es wahrscheinlich am ehesten ihrer alten Heimat.
Wieder einmal in Gedanken versunken, verpasste Adriana fast ihre Haltestelle. Zum Glück wollte sonst noch jemand aussteigen und so bemerkte sie es.
Es schneite wieder leicht, als sie ausstieg. Während die Flocken auf sanft auf sie hinunter fielen, überlegte sie, wie sie ihren Eltern am besten von ihrem Vorstellungsgespräch erzählte.
Ihre Mutter war ja nicht sonderlich begeistert gewesen, als sie erfahren hatte, dass sie eine Lehrstelle suchte. Obwohl, damals waren sie ja eh auf Kriegsfuss gewesen. Das Verhältnis hatte sich merklich verbessert, als sich Adriana wieder normal angezogen hatte.
Ihr Vater war in den letzten Wochen nicht viel zuhause gewesen. In der Firma, in der er jetzt arbeitete war viel los und da er neu war, musste er sich erst einarbeiten. Er hatte nicht viel von Adriana Leben mitbekommen und sie wusste nicht, ob ihre Mutter ihm von ihren Plänen erzählt hatte.
Sie überlegte sich einige Formulierungen, doch als sie etwas später am Tisch sass, war ihr Kopf wie leergefegt. Sie sass still beim Essen, während ihre Eltern über etwas diskutierten.
Schliesslich fiel ihrer Mutter auf, wie still sie war. Normalerweise mischte sie sich ein und diskutierte mit oder versuchte etwas von sich zu erzählen.
Obwohl, nach dem Umzug war sie nicht sehr oft dabei gewesen, meistens war sie aus Trotz in ihrem Zimmer geblieben oder noch mit Lars unterwegs gewesen.
„Alles in Ordnung mit dir?“
Ihre Mutter sah sie besorgt an.
„Ja, es ist nur so...“, sie stockte, holte dann tief Luft und  fuhr mutig weiter, „ich hatte heute ein Vorstellungsgespräch in einer Autowerkstatt. Vor Weihnachten kann ich einige Tage ein Praktikum machen und wenn ich mich gut anstelle, kann ich meine Lehre dort beenden.“
Es blieb einen Moment ruhig am Tisch. Ihre Eltern sahen sie überrascht und erstaunt an.
„Es ist dir also ernst?“, fragte ihre Mutter schliesslich.
„Ja.“
Fast schüchtern blickte Adriana von ihrer Mutter zum Vater und wieder zurück zur Mutter.
„Ist es denn kein Problem, weil du die Ausbildung in der Schweiz angefangen hast? Wahrscheinlich ist ja die Ausbildung hier nicht dieselbe“, erkundigte sich ihr Vater.
„Der Ausbildner hat gefunden, ich sollte es einfach mal versuchen. Wenn es dann überhaupt nicht geht, könne man immer noch weiterschauen.“
„Und wann kannst du anfange?“
Adriana war erstaunt über seine positive, interessierte Reaktion, aber sie war froh.
„Im Februar, wenn dieses Semester zu Ende ist.“
Jetzt mischte sich allerdings ihre Mutter wieder ein: „Hatten wir uns nicht geeinigt, das du erst Abi machst?“
„DAS hast du beschlossen. Ich wurde nie gefragt“, gab Adriana bitter zurück.
„Das stimmt.“
Adriana sah erstaunt zu ihrem Vater. Sie hatte immer gedacht, er sei Mutters Meinung, aber so wie es schien, war das nicht so.
„Ich habe mich nie gross dazu geäussert, da ich mit dem Organisieren des Umzuges und der neuen Stelle selbst genug um die Ohren hatte. Aber ich finde es gut, das Adriana die Dinge selbst in die Hand genommen hat und sich um einen neuen Ausbildungsplatz gekümmert hat. Was soll sie Abi machen, wenn sie als Mechanikerin glücklicher ist? Sie ist selbst alt genug um zu entscheiden, was für sie richtig ist.“
„Danke.“ Sie strahlte ihren Vater an, blickte dann aber ängstlich zu ihrer Mutter. Eigentlich wollte sie nicht wieder Streit mit ihr. Diese sah im ersten Moment so aus, als möchte sie etwas erwidern, verkniff sich jedoch denn Kommentar und sagte nur: „Wenn es sein muss.“
Adriana seufzte: „Ich weiss, dass du es nur gut meinst, aber Frau Berger selbst hat auch gemeint, ich solle meine Ausbildung beenden. Wenn ich später mal studieren möchte, kann ich das Abi auch nachholen. Und da habe ich dann garantiert die besseren Noten als jetzt, wo ich überhaupt keine Motivation zum Lernen habe und ich das Arbeiten vermisse.“
Ihre Mutter sah noch nicht ganz überzeugt aus, aber es schien, als würde sie trotzdem versuchen, ihre Tochter zu verstehen.
„Übrigens“, mischte sich ihr Vater wieder ein, „weisst du schon, dass wir über Weihnachten vielleicht in die Schweiz fahren, um dort zu feiern. Je nach dem auch erst in den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester. Meine Eltern haben uns eingeladen einige Tage bei ihnen zu verbringen.“
„Echt?“
Adriana konnte kaum glauben, dies zu hören.
„Ja. Allerdings ist es noch nicht ganz sicher. Ich weiss nicht, ob ich Ferien nehmen kann, da ich neu bin. Aber ich hoffe es. Und sonst kannst du dann alleine fahren, damit du deine Freunde wieder einmal siehst.“
Sie überlegte einen Augenblick. Beim Wort ‚Freunde‘ ist ihr etwas eingefallen.
Zögernd fragte sie: „Wäre es wohl möglich, wenn Lars je nachdem Mitfahren könnte? Ich habe ihm einiges erzählt und würde ihm gerne zeigen, wo ich vorher gewohnt habe.“
Ihr Vater runzelte die Stirn. Man sah ihm an, dass er überlegte, wer Lars war.
Ihre Mutter, die ihn ja auch schon gesehen hatte, meinte skeptisch: „Ich weiss nicht, ob das eine gute Idee ist.“
Adriana verdrehte die Augen, sie wusste, wieso ihre Mutter so reagierte: „Ich werde ihn bitten keine zerrissenen und allzu düstere Klamotten anzuziehen und die Haare zu einer anständigen Frisur zu stylen, damit er Grossmutter nicht zu sehr schockt. Aber er könnte seine Gitarre mitnehmen und uns bei den Weihnachtslieder begleiten.“
„Was meinst du dazu, Peter?“
„Wenn du ihn mir am Wochenende einmal vorstellst, damit ich mir ein Bild von ihm machen kann, können wir darüber reden. Aber meine Eltern sind nicht so kompliziert, von dem her wäre es sicher kein Problem. Und von mir her, sollten sie sich auch noch einiges gewohnt sein.“
Er lachte schelmisch und auch ihre Mutter musste lachen.
„Da hast du auch wieder recht.“

26.

Am nächsten Tag schien die Sonne und der Schnee, der über Nacht gefallen war, glitzerte in den Gärten, auf den Dächern und den Bäumen. Adriana hatte sich mit Lars im Park auf ihrer Bank verabredet. Sie wollten anschliessend einige Weihnachtseinkäufe erledigen.
Während sie durch den verschneiten Park lief und der Schnee unter ihren Füssen bei jedem Schritt knirschte, dachte sie an den vergangenen Abend zurück. Sie hätte nicht gedacht, dass sich ihr Vater auf ihre Seite stellen würde. Sie freute sich darauf, Lars die Nachricht zu überbringen und ihn in die Schweiz einzuladen.
Als sie sich der Erhöhung, auf der die Bank unter einem Baum stand, näherte, sah sie, dass nicht nur eine, sonder zwei Personen darauf sassen.
Verwirrt blieb sie stehen. Die eine war unschwer zu erkenne, es war Lars. Wer war aber die andere?
Mit langsamen Schritten stieg Adriana den Hang hinauf. Beim näherkommen erkannte sie Janina. Ihre Schritte verlangsamten sich wieder und sie zögerte.
Jetzt hatte sie aber Lars gesehen und winkte ihr vergnügt.
Sie beschleunigte ihre Schritte wieder etwas.
„Hallo.“
Sie begrüsste die beiden schüchtern.
Janina grüsste eben so schüchtern und zurückhalten zurück, während Lars vergnügt wirkte.
„Ich habe Janina per Zufall im Bus getroffen und da sie nichts anderes los hatte und ich sowieso zu früh war, hat sie mich begleitet.“
Adriana nickte nur. Sie wusste nicht, ob sie so tun sollte, als ob nichts gewesen wäre oder ob sie sich entschuldigen sollte. Janina wirkte ebenso unentschlossen, einerseits sah sie immer noch gekränkt und verletzt aus, andererseits so, als hätte sie Adriana bereits verziehen.
Schliesslich entschied sich Adriana dazu, die ganze Sache anzusprechen.
„Hey, es tut mir Leid, was geschehen ist. Ich weiss selbst nicht, was in mich gefahren ist. Ich war verwirrt, weil du dich für mich interessiert hast und wir es so gut miteinander hatten. Ich habe nicht gewollt, dass du so erfährst, wer ich wirklich bin. Ich hoffe du kannst mir verzeihen und wenn nicht, kann ich es auch verstehen. Ich war nicht fair zu dir.“
Janina schaute einen Moment still auf den kleinen Teich unter ihnen. Dann sah sie Adriana an und lächelte leicht.
„Naja, es ist immer noch etwas komisch, dich jetzt als Mädchen zu sehen. Aber Lars hat mir von deinen Gründen erzählt, wieso du dich als Junge verkleidet hast und das du unglücklich mit der ganzen Situation warst. Vielleicht hätte ich selbst auch so gehandelt. Auf jeden Fall weiss ich, das du es nicht mit Absicht getan hast. Und jetzt weiss ich wenigstens, wie es ist ein Mädchen zu küssen.“
Sie lachte, wenn auch etwas bitter. Aber Adriana wusste, dass Janina ihr verziehen hatte.
„So, jetzt lasse ich euch alleine.“
Sie stand auf.
„Also wegen mir musst du nicht gehen. Wir können auch zu dritt in die Stadt.“
„Ich würde gerne mitkommen, aber ich habe noch etwas Hausaufgaben zu erledigen.“
Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
„Also dann. Ich denke man sieht sich in der Schule“, sagte sie zu Adriana gewandt und zu Lars gewandt sagte sie: „Morgen um drei vor dem Kino, richtig?“
Lars grinste: „Genau.“
Janina verabschiedete sich und lief dann den Weg hinunter, über die Wiese und verschwand durch das Eingangstor.
„Ihr geht morgen also ins Kino?!“
Lars strahlte Adriana an: „Jep.“
„Wie kam das denn?“, fragte Adriana neugierig und setzte sich neben ihn.
„Wie schon gesagt, ich habe sie heute zufälligerweise im Bus getroffen. Sie hat nach dir gefragt, wie es dir gehe und so. Wir haben angefangen zu quatschen, ich habe ihr von dir erzählt, sie hat mir von sich erzählt und dann habe ich sie gefragt, ob sie Lust hätte, mal was mit mir zu machen. Eigentlich habe ich gedacht, sie würde ablehnen, weil sie noch enttäuscht ist wegen dir. Aber sie hat ja gesagt und jetzt gehen wir morgen ins Kino.“
„Cool, freut mich für dich.“
„Danke. Aber jetzt bist du dran mit erzählen. Wie ist es gestern Abend gelaufen?“
„Gut. Ich bin wieder einmal überrascht worden.“
Sie erzählte ihm, wie ihr Vater sich für sie eingesetzt hatte und wie ihre Mutter reagiert hatte.
Er schien genau so beeindruckt wie sie es gewesen war.
„Dein Vater gefällt mir, den möchte ich mal kennenlernen.“
„Kannst du. Er will dich nämlich auch kennenlernen.“
Lars sah sie überrascht an: „Wieso denn das? Hab ich was angestellt?“
„Nein, aber wir fahren vielleicht über Weihnachten, bzw. vielleicht auch erst zwischen Weihnachten und Silvester in die Schweiz und wenn du dich etwas anständig benimmt, in Anwesenheit meiner Eltern, darfst du mitkommen.“
Sie strahlte ihn an, fügte dann jedoch hinzu: „Wenn du willst, natürlich. Und wenn du darfst.“
Er war einige Sekunden sprachlos: „Na, klar komme ich mit. Ich will doch wissen wo du vorher gewohnt hast! Obwohl, was heisst anständig benehmen?“, fragte er resigniert.
„Einigermassen anständige, nicht allzu dunkle und nicht zerrissene Kleider und keine wilden Frisuren.“
Er grinst: „Das sollte ich hinkriegen. Und mit meinen Eltern sollte es auch kein Problem sein.“
Adriana grinste zurück. Dann fiel ihr etwas ein: „Eine Frage habe ich noch: Die Bewerbung beim Auto Center West, die habe nicht ich abgeschickt, stimmt’s? Das warst du?“
Sie sah ihn forschend an.
Er blickte etwas schuldbewusst zurück: „Ja, das war ich. Du warst so unglücklich darüber, dass du keine neue Lehrstelle findest und da habe ich bei meinem Onkel, Herr Schneider, nachgefragt, ob er dir nicht eine Chance geben könnte. Er hat gefunden, ich solle mal eine Bewerbung schicken und dann würde er es sich überlegen.“
„Ich habe es gewusst, dass er mit dir verwandt ist“, triumphierte Adriana. „Er hat denselben interessierten und wachen Blick wie du. Nur konnte ich erst nicht einordnen, wieso er mir bekannt vorkommt.“
„Tut mir leid, ich hätte dich erst fragen sollen. Aber ich habe gedacht, wenn es dann doch nichts wird, bist du nur wieder enttäuscht."
„Ist schon in Ordnung.“
Sie lachte ihn glücklich an.
„Danke vielmals!“
„Gern geschehen!“
Still sassen sie da, beide in die eigenen Gedanken versunken.
Adriana sah über den Park und die Häuser der Stadt, die man von hier aus sah. Sie dachte an die letzten paar Wochen zurück, die sie erlebt hatte und viel Schönes sie hier wider Erwartungen erlebt hatte.
Sie hatte Lars kennengelernt, der sie so genommen hatte, wie sie war, ihr geholfen hatte sich etwas einzuleben und ihr sogar eine neue Lehrstelle verschafft hatte.
Sie dachte an Dom, der ihr Herz zum klopfen brachte, mit seinem Lächeln und seiner lockeren Art und in dem sie garantiert einen guten Freund gefunden hatte und vielleicht sogar noch etwas mehr. Doch sie wollte einfach die Zeit mit ihm geniessen und alles Weitere würde sie sehen.
Sie war auch froh, dass das mit Janina einigermassen gut ausgegangen war. Sie hatte gespürt, Janina war immer noch verletzt, aber vielleicht würde sie jetzt entdecken, dass Lars auch ein netter Typ war. Adriana hoffte es für ihn.
Adriana lies den Blick erneut über ihr neues Zuhause schweifen. Ihr würde die Stadt nie so viel bedeuten, wie ihre alte Heimat, aber es liess sich für die nächste Zeit gut leben hier und wenn sie wieder ging, würde auch dieser Abschied sicher nicht einfach fallen.
„Gehen wir? Die Läden sind nicht ewig geöffnet.“
Lars riss sie aus ihren Gedanken.
„Ja, lass uns gehen. Die Geschenke warten.“
Sie sah ein letztes Mal über die Dächer der Stadt und stand dann auf um Lars zu folgen…

ENDE

 




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